Aus für besondere Bedürfnisse?

Förderung und Betreuung. Gerade bei Kindern sollte nicht gespart werden. Doch die mobilen Dienste der Lebenshilfe Steiermark fallen jetzt den Budgetkürzungen zum Opfer.

Zu Hause in vertrauter Umgebung fällt den Kindern das Lernen leichter.

Betreuerin Kathrin Lampl mit einem Klienten.

Der Mobile Dienst „Individuelle Entwicklungsförderung und Familienbegleitung“ (IEF) der Lebenshilfe fördert Kinder mit besonderen Bedürfnissen im schulpflichtigen Alter. Viele von ihnen haben z. B. Autismus, DownSyndrom oder ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung). Für ihre Entwicklung brauchen sie viel Zeit, um kleine Schritte in Richtung selbstbestimmtes Leben zu gehen. Zeit, die ihnen Eva Ebner auch widmet. Ebner ist mobile Entwicklungsförderin der Lebenshilfe Graz und Umgebung – Voitsberg (GUV), unternimmt Hausbesuche und bemüht sich nach allen Kräften, die ihr anvertrauten Kinder zwischen 6 und 16 Jahren individuell zu fördern.

„Zu Hause in vertrauter Umgebung fällt den Kindern das Lernen leichter. Im Sommer habe ich mit einem Buben gearbeitet, der an Autismus leidet. Am Ende des Sommers ist er schon so weit gewesen, dass er anderen Kindern auf die Frage, ob er mitspielen will, mit ‚Ja, machen wir‘ geantwortet hat“, berichtet Ebner. Wer sich ein wenig mit Autismus beschäftigt hat, weiß, wie schön dieser Augenblick für die Betreuerin und die Eltern gewesen sein muss.

Nicht bloß für die Kinder ist der Heimvorteil entscheidend, auch die BetreuerInnen profitieren vom Einblick in das unmittelbare Lebensumfeld der Familien: „Häufig sind die Eltern eines behinderten Kindes überfordert und brauchen Tipps und Anregungen für den Alltag“, weiß Eva Ebner, die freilich auch eng mit den Eltern zusammenarbeitet.

Durch die positiven Lerneffekte und Aktivitäten – etwa auf einem nahe gelegenen Spielplatz – werden die Kinder vom mobilen Dienst in ihrem Selbstwertgefühl gestärkt. Schritt um Schritt werden Beziehungen zu den Entwicklungsförderern aufgebaut – nur Vertrauen schafft auch Fortschritte. Und jeder Schritt vorwärts kostet Geld. Statt weiter voran zu gehen, will jetzt  das Land Steiermark Einsparungen vornehmen.

Kaputtsparen

Wegen Budgetkürzungen der Landesregierung soll jetzt die Entwicklungsförderung zur Gänze eingestellt werden. Davon sind 37 Arbeitsplätze der Lebenshilfe Graz betroffen. Geht es nach den Sparplänen des Landes, werden bald keine BetreuerInnen wie Eva Ebner zu den Kindern nach Hause kommen können. „Wir hoffen natürlich nicht, dass die Budgetkürzung in dieser Härte durchgeführt wird. Wie es derzeit aussieht, ist das die Ausradierung einer Dienstleistung“, erklärt Monika Fließer, Betriebsrätin der Lebenshilfe GUV.

Von den 37 Beschäftigten sind 36 Frauen. „Die meisten von ihnen haben kleine Beschäftigungsausmaße, die von einem existenzsichernden Einkommen weit entfernt sind“, beschreibt Fließer die Lage. Für die betroffenen KollegInnen fordert der Betriebsrat vom Unternehmen einen Sozialplan, der die Härten des Arbeitsplatzverlustes mindert. Diesbezügliche Gespräche haben bereits stattgefunden.

Einsparen und streichen ohne inhaltliche Diskussion? Über 100 Kinder und auch deren Familien sind steiermarkweit betroffen. Ein Jahrzehnt Aufbauarbeit soll einfach zerstört werden. Durch die Einsparungen werden auch speziell ausgebildete MitarbeiterInnen bald ohne Job sein, betroffene Kinder ohne Betreuung und Eltern ohne notwendige Unterstützung und Beratung. Eva Ebner etwa ist ausgebildete Kindergartenpädagogin, Sozial- und Sonderpädagogin, Suchtberaterin und Legasthenietrainerin.

Unterstützung für Eltern

Für die Eltern der Kinder erreicht die Belastungsgrenze damit wieder ein Maximum. Wirkt das Verhalten eines Kindes für die Umwelt verstörend, sind die Eltern oft Verständnislosigkeit ausgesetzt. Ein Wochenende auszuspannen ist kaum möglich. „Wenn sich ein Kind nicht ‚normal‘ verhält und zum Beispiel lange schreit, glauben viele Menschen, dass ein Erziehungsfehler daran schuld ist“, erzählt Michaela Sulzer, Entwicklungsförderin der Lebenshilfe Graz. Zumeist sind die Entwicklungsförderinnen der Lebenshilfe eine wichtige Anlaufstelle für betroffene Eltern. Von stärkenden Gesprächen, konkreten Taten bis hin zu Tipps, wie Kinder abseits des „klassischen Lernens“ – etwa durch Spiele – dazulernen können, reicht die Eltern-Unterstützung der Lebenshilfe.

In ihrer Arbeit hat Michaela Sulzer schon viele kleine und große Erfolge erzielt: Eines „ihrer“ Kinder, Franz, hat ADHS. Seit einigen Wochen braucht er weniger Medikamente, weil er so große Fortschritte gemacht hat. Das Ziel: Franz soll bald ohne Medikamente leben können. Ohne Entwicklungsförderung wird das Kind jedoch weiter auf pharmazeutische Hilfe angewiesen sein.

Folgen für die Zukunft

Die mobilen Dienste sind mehr als nur wichtig: Ihre Arbeit erspart der Gesellschaft in der Zukunft Geld. Denn alles, was im Kindesalter versäumt wird, kann in späteren Jahren nicht so einfach aufgeholt werden. Was die Kinder jetzt von den EntwicklungsförderInnen lernen, wird sie so gut wie möglich in ein weitgehend selbstbestimmtes Leben führen. Betriebsrätin Fließer beklagt: „Es ist absolut kurzsichtig, das Programm einzusparen.“ Wenn ein Kind lernt, sich alleine anzukleiden und die Schuhe zuzubinden oder ein Brot zu schneiden, so erleichtert das nicht nur sein Leben, sondern auch das seiner Familie. Viele lernen erst durch die Unterstützung der Entwicklungsförderin richtig lesen, auch das ist ein wichtiger Schritt zu einer besseren Lebensqualität. „Die Folgen dieser geplanten Einsparungen werden später Mehrkosten verursachen, denn eine Basisförderung hat eben die beste Wirkung, wenn sie möglichst früh einsetzt“, ergänzt Entwicklungsförderin Michaela Sulzer.

„Volkswirtschaftlich gesehen ist dieses Sparpaket Geldvernichtung pur. Einerseits wurde bereits viel Geld für den Aufbau der Dienstleistung in die Hand genommen und andererseits wird die öffentliche Hand in naher und ferner Zukunft mehr Geld, als sie sich heute erspart, einsetzen müssen“, geht Monika Fließer mit den Sparmaßnahmen hart ins Gericht. „Durch die vorenthaltene Förderung werden viele dieser Kinder nie einem Beruf nachgehen können. Anstatt ins System einzuzahlen, werden sie Geldleistungen aus dem System brauchen.“