Den Sonntag genießen

Der arbeitsfreie Sonntag gehört der Familie.Das marmeladegefüllte Dinkel-Herz um zwei Euro wird fein säuberlich in Papier eingewickelt und in ein Bank-Austria-Sackerl eingepackt. Der „Feinkost“-Laden in Wien-Neubau hat sonntags von 4.30 Uhr bis 19.30 Uhr geöff net – seit 20 Jahren, erzählt die Betreiberin, die lieber anonym bleiben möchte. „Die meisten, die am Sonntag um halb fünf in der Früh kommen, wollen etwas haben, haben aber kein Geld mehr. Bei mir nicht!“, echauffiert sich die Greißlerin. Nur im Sommer, da viele aus der Stadt weggefahren sind, überlege sie, künftig später aufzusperren. Dass in der nahegelegenen Lugner City die Geschäfte auch an Sonntagen aufsperren könnten, davon hat sie gehört, den Betreiber des Einkaufszentrums tut sie als „Komiker“ ab. Aber fragt man sie nach den Billa-Märkten, die zum Beispiel auf Bahnhöfen am Sonntag geöffnet haben, meint sie: „Ja, da stellen sich alle an, der Billa kriegt das herein, aber die kleinen Händler können sich das nicht leisten, Angestellte am Sonntag zu bezahlen.“ Die Greißlerin selbst kann überhaupt keine Beschäftigten anstellten.

Öffnungszeiten ausreichend

Selbst die Handelskette Billa denkt jedoch nicht daran, die Geschäfte noch länger offen zu halten. Und bis auf die Ausnahmen in Touris-muszonen, an Tankstellen, Bahnhö-fen oder Flughäfen lehnt der Rewe-Konzern (neben Billa auch Merkur, Penny, Bipa) eine generelle Sonntagsöff nung ab. „Wenn die Ladenöffnungszeiten ausgedehnt wür-den, hieße das nicht, dass die KonsumentInnen deshalb mehr Lebensmittel kaufen würden. Es käme lediglich zu einer Verlagerung der bereits jetzt getätigten Einkäufe auf andere Zeiten“, heißt es aus dem Unternehmen.  Das ist auch ein triftiges Argument der Gewerkschaft, weshalb sie die Sonntagsöffnung ablehnt. Das würde wirtschaftlich nichts bringen, weil die KonsumentInnen vom vorhandenen Familieneinkommen „nur einen Betrag X ausgeben können“, erläutert Franz Georg Brantner, Vorsitzender des Wirtschaftsbereichs Handel in der GPA-djp. Mehr Beschäftigung würde eine weitere Liberalisierung des Handels ebenso wenig bringen. Feststellbare Beschäftigungseffekte konnten in der Vergangenheit „leider nur im Bereich der Teilzeit auf Kosten von Vollzeitbeschäftigung beobachtet werden“, so Brantner. Er gibt außerdem zu bedenken, dass die Freiwilligkeit bei der Sonntagsarbeit nur minimal gegeben sein würde.

Angestellte wollen freien Sonntag

Wie mehrere Befragungen bei den Handelsangestellten ergaben, wollen weit über 90 Prozent den freien Sonntag beibehalten. Während ArbeitnehmerInnen und Betriebsrat  des Rewe-Konzerns öff entlich für den freien Sonntag auftreten (dürfen), trauen sich das die Beschäftigten in der Lugner City nicht. Ebenso gemischte Gefühle scheinen diesbezüglich die Angestellten im Metro-Markt in Langenzersdorf im südlichen Weinviertel zu haben. „Wir haben gehört, dass die Sonntagsöffnung in Deutschlands Metro-Märkten kommen soll, aber bei uns ist das vorerst nicht der Fall“, so eine Angestellte. Eine ältere Kollegin erzählt: „Manchen ist es egal – manchen ist es nicht egal, denen die Kinder haben. Aber es wird niemand das Unternehmen verlassen deshalb, ich bin seit 18 Jahren da.“ Maria Gluchmann, die bei Billa arbeitet, wäre selbst nicht bereit, an Sonntagen zu arbeiten: „Nein, Sonntag ist Familientag!“

Zeitwohlstand

Die Gesellschaft sei in vielen Bereichen anders am Sonntag, unterstreicht Franz Georg Brantner von der GPA-djp. Und der Handel, mit 500.000 Angestellten eine der größten Branchen, sei ein Taktgeber für andere Bereiche. Es habe ohnehin schon viele Veränderungen gegeben in den vergangenen Jahren wie die Ausdehnung der Öffnungszeiten am Abend und an Samstagen. Etwa im Lebensmittelhandel sind zu 75 Prozent Frauen tätig, viele von ihnen alleinerziehende Mütter; inzwischen sei der Samstag zum Glück schulfrei geworden, so Brantner, wenn Alleinerzieherinnen samstags arbeiten müssen, sei das jedoch ein großes Problem für sie. Hinzu kommt, dass die bestehenden Möglichkeiten der Ladenöffnungszeiten von den wenigsten im vollen Umfang ausgeschöpft werden. „Wir verstehen daher nicht, warum es eine weitere Ausdehnung auf den Sonntag geben soll.“ Brantner verweist auf das Beispiel von Großbritannien, wo durch eine noch größere Liberalisierung der arbeitsfreie Sonntag sehr schnell bedeutungslos geworden sei. Und er spricht in diesem Zusammenhang von „Zeitwohlstand, dass man den Sonntag sehr wohl genießen kann. Das ist für mich als Humanist wichtig“. Offenbar auch für die meisten Handelsangestellten – „weil ich sonst nichts mehr von meinem Leben habe“, wie viele meinen.