Pflege: Solidarische Finanzierung dringend nötig

Das Pflegegeld unterstützt Menschen, die ohne fremde Hilfe nicht zu recht kommen.

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In Österreich erhalten 430.000 Personen Pflegegeld, etwa 60.000 von ihnen werden in Heimen oder im Spital betreut. Hilfs- und pflegebedürftig zu werden, ist heute ein individuelles Risiko, so Robert Oberndorfer, Geschäfts-führer der Caritas Socialis in Wien. Wessen Gesundheitszustand sich nicht mehr verbessert, für dessen Betreuung kommt die Sozialversicherung nicht mehr auf.

Rund ein Drittel der Bevölkerung werde im Laufe ihres Lebens pflegebedürftig, so Oberndorfer. „Wen es trifft, trifft es finanziell hart.“ Ein Umdenken der Gesellschaft sei daher unabdingbar. 2010 wurden für Pflege 3.965 Millionen Euro aufgewandt. 2020 ist mit einem Mehraufwand von mindestens 1,6 Milliarden Euro zu rechnen, so GPA-djp-Vorsitzender Wolfgang Katzian. Eine qualitative Verbesserung, wie die GPA-djp sie dringend fordert, würde zwei Milliarden kosten.

Thomas Eminger, Geschäftsführer der Volkshilfe Burgenland, pflichtet bei: eine solidarische Finanzierung sei inzwischen Konsens aller Trägerorganisationen. Mit der Einführung des Pflegegelds 1993 habe Aufbruchstimmung geherrscht – doch nun sieht man: Die Situation ist damit nicht im Griff . Dazu trägt auch bei, dass das Pflegegeld in diesen 18 Jahren kaum valorisiert wurde. Bis 2014 sichert der jüngst eingerichtete Pflegefonds den Status Quo. Aber was ist danach?

Bedarf steigend

Zwar beruhigt Oberndorfer, dass zwei Drittel der ÖsterreicherInnen bis zu ihrem Lebensende weitgehend ohne Pflege auskommen. Durch die demografische Entwicklung steigt die Gesamtzahl älterer Menschen aber an – und damit wird auch die Gruppe der zu Betreuenden größer.

Die Pflege von Familienmitgliedern geht traditionell meist zu Lasten der Frauen. Sie stehen, wenn ein Elternteil pflegebedürftig wird, oft vor der Entscheidung: den Job kündigen und die Pflege selbst übernehmen oder einen Heimplatz suchen. Die Abschaffung des Regresses habe hier eine Verschiebung gebracht: Die Nachfrage nach Plätzen in Pflegeheimen sei gestiegen. Mittlerweile hat die Steiermark den Regress auf das Einkommen von Angehörigen allerdings wieder eingeführt.

Keine einheitliche Regelung

Der Regress ist aus Sicht der Träger und der Gewerkschaft ein Rückschritt, der auch eines verdeutlicht: dass das Thema Pflege von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich geregelt ist. Das beginnt bei der Zuerkennung der Pflegestufen und endet bei der unterschiedlich gehandhabten Heranziehung von privatem Vermögen des zu Pflegenden. „Wir müssen hier zu einheitlichen Rahmenbedingungen und Standards kommen“, so Eminger. Oberndorfer ist vor allem die Schaffung zusätzlicher Betreuungsplätze in Wien ein Anliegen: die Caritas Socials bietet sowohl stationäre Pflege als auch Tageszentren, mobile Pflege, aber auch betreutes Wohnen. So werden beispielsweise in zwei Wohnungen jeweils acht Demenzkranke rund um die Uhr versorgt.   

Lösungsvorschläge

Eminger, der am Land vor allem einen Nachholbedarf bei Tageszentren und betreutem Wohnen ortet, schwebt für die Zukunft ein Mix aus Sach- und Geldleistungen vor. So müsste der Einzelne nicht abwägen, welche Leistung er sich kaufen könne, sondern würde zum Beispiel Therapien als Sachleistung konsumieren können. Das würde auch zu mehr Lebensqualität und einem geringeren Einsatz von Medikamenten führen. Nötig wären dazu auch neue Berufsbilder im Bereich Pflege. Oberndorfer freut sich bereits auf die AbsolventInnen der neu geschaffenen Sozialbetreuungsberufe mit dem Schwerpunkt Altenarbeit. Mehr Qualifikation sei dringend nötig. Bisher fokussiere die Pflegeausbildung vor allem auf Tätigkeiten im Krankenhaus. Die Caritas Socialis investiere hier daher derzeit viel in entsprechende Weiterbildung.

Niedrige Gehälter

Mehr Qualifikation bedeutet aber auch: höhere Gehälter. Die sind aus Sicht der Gewerkschaft übrigens längst überfällig. 2009 lagen die mittleren Einkommen im Bereich Gesundheit und Soziales bei 1.564 Euro – und damit 17 Prozent unter dem Durchschnittseinkommen von Angestellten, prangert Katzian an. Niedrige Gehälter führen auch zu einer hohen Fluktuation. Und in manchen Gegenden, etwa im Nordburgenland, sind überhaupt nur sehr schwer Pflegekräfte zu finden. Derzeit kommt jede zweite bis dritte Pflegekraft im stationären Bereich aus dem Ausland, so Eminger. 

Branche im Wandel

Die Pflegebranche steht also vor einem umfassenden Wandel. Die GPA-djp gemeinsam mit der Gewerkschaft vida sprechen sich daher für die langfristige Einrichtung eines solidarisch finanzierten Pflegefonds aus. Hier sollen die bisherigen für Pflege zur Verfügung stehenden Gelder hineinfließen. Dazu kämen die nötigen zusätzlichen zwei Milliarden Euro aus einem Finanzierungsmix aus verschiedenen (darunter vermögensbezogenen) Steuern. „Das individuelle Risiko soll weitgehendst minimiert werden“, betont Katzian. Und: Den Betroffenen soll möglichst lange die Wahl zwischen Betreuung zu Hause, in betreuten Wohnungen, Senioren- und Pflegeheimen ermöglicht werden. Eine gerechtere Entlohnung wäre auch durch die Einhaltung der bestehenden Kollektivverträge zu erreichen, so der GPA-djp-Vorsitzende. Manche Länder gelten derzeit den Pflege leistenden Organisationen die im Kollommenssteigerungen nämlich nicht in vollem Umfang ab. Ein Problem, das Eminger aus der Praxis kennt: Die Volkshilfe sei dann gezwungen, die Leistungen für die zu Pflegenden zu kürzen. Das bringe wiederum die MitarbeiterInnen unter Druck: Dieselben Tätigkeiten müssten so in kürzerer Zeit geleistet werden. Und die Burn-out-Gefahr steige.