Mangelnde Anerkennung

 

Jugend am Werk (c) Nurith Wagner-Strauss

Jugend am Werk (c) Nurith Wagner-Strauss

Die Beschäftigten nach dem Kollektivvetrag der Berufsvereinigung von Arbeitgebern für Gesundheits- & Sozialberufe (BAGS-KV) wünschen sich vor allem eines: eine angemessene Entlohnung.

Eine Frau mit Behinderung sitzt an einem großen Tisch und hat jede Menge leere Nespresso-Kapseln vor sich. Nach vielen Stunden Arbeit soll aus ihnen ein Vorhang entstehen. Im Vorraum des „Jugend am Werk“-Hauses in Wien-Ottakring ist bereits ein fertiges Exemplar zu bewundern. „Diese Stücke verkaufen wir dann am Weihnachts- oder Ostermarkt“, erzählt eine Betreuerin.

An diesem „Jugend am Werk“-Standort werden geistig und mehrfach behinderte Menschen während des Tages betreut. Manche von ihnen benötigen eine Intensivbetreuung, bei anderen geht es vor allem um eine strukturierte Tagesgestaltung. 1.750 Menschen werden in solchen Einrichtungen sowie in Werkstätten von der „Jugend am Werk Begleitung von Menschen mit Behinderung GmbH“ umsorgt. 750 KlientInnen werden in Wohngemeinschaften oder durch begleitetes Wohnen unterstützt. Außerdem bietet die Organisation auch Maßnahmen zur beruflichen Eingliederung. Dabei werden im Jahr an die 1.200 Menschen beraten. In Wien und Niederösterreich sind hier insgesamt 900 ArbeitnehmerInnen beschäftigt.

Bezahlung und Anerkennung

Österreichweit sind inzwischen rund 90.000 Menschen nach dem Kollektivvertrag der Berufsvereinigung von Arbeitgebern für Gesundheits- und Sozialberufe (BAGS-KV) angestellt. An die 80 Prozent von ihnen sind Frauen. Sie alle sind vor allem in der Betreuung von Menschen mit Behinderungen und in der Pflege tätig. „Unser Beruf wird allgemein gesellschaftlich sehr positiv gesehen“, betont Angelika Hlawaty, die stellvertretende Betriebsratsvorsitzende von „Jugend am Werk“. „Nur in der Bezahlung spiegelt sich diese Anerkennung nicht wider.“

In den aktuell laufenden Kollektivvertragsverhandlungen geht es daher vor allem darum, einen Reallohnzuwachs zu erreichen, sagt Martin Szerencsics, Betriebsratsvorsitzender von „Jugend am Werk“. Grundlage ist die Inflationsrate von 3,2 Prozent – die Erhöhung muss deutlich über dieser ausfallen. Die Zeichen stehen jedoch auf Sturm: in einer Runde Mitte Jänner boten die Arbeitgeber lediglich eine Erhöhung von 2,95 bis 3,05 Prozent an. Nun wird es als erste Maßnahme Betriebsversammlungen geben.

Niedrige Gehälter

Um zu illustrieren, wie niedrig derzeit die Gehälter der nach BAGS-KV Beschäftigten ausfallen, rechnet Szerencsics vor: eine Heimhelferin bezieht derzeit in Wien zu Beginn ein Brutto-Jahresgehalt von 21.460 Euro, vor der Pension sind es 28.294 Euro (Verwendungsgruppe 4). Berufs-Sozialpädagogen verdienen anfänglich 26.735 Euro im Jahr, am Ende ihrer Laufbahn 38.220 Euro (Verwendungsgruppe 7). Diese Gehälter gibt es bei Vollzeitbeschäftigung. Doch die meisten in diesem Bereich Beschäftigten sind nur Teilzeit angestellt. Teils aus eigenem Wunsch – etwa Mütter nach Rückkehr aus der Karenz -, teils, weil die nachzubesetzenden Stellen dann nur mehr in Teilzeit angeboten werden können. „Wenn ich in einer Wohngemeinschaft die Stellen einmal aufgeteilt habe, kann ich einen Teilzeitjob auch nur mehr als solchen nachbesetzen“, so Hlawaty.

Flexibilität

Viele Betreuungs- und Pflegedienstleister erhöhen durch Teilzeitverträge aber auch ihre Flexibilität. Mehr MitarbeiterInnen, die im Fall des Falles Mehrstunden statt teurerer Überstunden leisten können, bringen für den Betrieb Vorteile. Eine Entwicklung, die von gewerkschaftlicher Seite mehr als skeptisch gesehen wird. „Von den Mitarbeitern wird immer mehr Flexibilität gefordert, diese können ihre Wünsche aber nur schwer durchsetzen“, ärgert sich Hlawaty über diesen Trend. Wobei sie betont, dass „Jugend am Werk“ hier zu den vorbildlichen Arbeitgebern zähle. Über eine Betriebsvereinbarung wird hier beispielsweise auch die Elternkarenz voll auf die Vordienstzeit angerechnet.

Agenda der KV-Verhandlungen

Laut KV werden derzeit allerdings maximal zehn Jahre an Vordienstzeiten berücksichtigt.  Wer also beispielweise in Niederösterreich bereits 20 Jahre berufstätig war, bekommt beim Eintritt in eine Wiener Einrichtung nur zehn Jahre angerechnet. Auch dies ist ein Knackpunkt der KV-Verhandlungen – die Anrechnung der Vordienstzeiten und die volle Anrechnung von Karenzzeiten als Vordienstzeiten.

Auf der Agenda steht zudem die Verankerung des amtlichen Kilometergeldes im KV. Jene, die in der mobilen Krankenpflege tätig sind, sitzen vor allem im ländlichen Bereich viele Stunden pro Woche im Auto. Das derzeit geltende Kilometergeld von 17 Cent pro Euro decke da nicht einmal den Benzinverbrauch ab, kritisiert Szerencsics. Die Forderung: eine Anhebung auf 42 Cent. Das entspricht dem derzeitigen amtlichen Kilometergeld.

Den „Jugend am Werk“-Betriebsräten ist die schwierige finanzielle Situation durchaus bewusst. Betreuung und Pflege wird ausschließlich von der öffentlichen Hand finanziert. Werden die Mittel knapp, wird versucht, auch hier zu sparen. In einem Sektor, dessen Budgets zu drei Viertel in die Personalkosten fließen, zu sparen, heißt: weniger Leute zu beschäftigen. Das allerdings erhöht den Druck auf die Beschäftigten – und führt zu Burn-out, schon jetzt kein unbekanntes Phänomen.

Fordernde Berufe

Dabei sind die meist sehr motivierten und ihren Klienten und Patienten verbundenen Beschäftigten im Gesundheits- und Sozialbereich ohnehin schon auf Grund des Wandels in der Branche gefordert. Bei „Jugend am Werk“ beispielsweise wird der Selbstbestimmung der Betreuten immer breiterer Raum gegeben. „Hier müssen die Betreuer die Wünsche aller unter einen Hut bringen.“ Wie solche Wünsche aussehen können? „Ein großes Thema ist momentan ein Bauernhof“, erzählt Szerencsics. „Die Klienten würden sehr gerne auf einem Bauernhof arbeiten.“ In Wien nicht einfach zu bewerkstelligen. Flexibler ist man bei der Gestaltung des Beschäftigungsprogramms. Hier fließen die Wünsche aller Gruppenmitglieder ein. „Aber auch das ist eine Herausforderung.“