Quo vadis Industrie?

Zukunft der Industrie in Österreich

Quo vadis, Industrie?

 Know-How der MitarbeiterInnen und technische Perfektion sind der Grundstein für Österreichs Industrieproduktion. Die Weiterentwicklung der betrieblichen Mitbestimmung ist ein entscheidender Faktor für den Standort.

Österreich hat als Industriestandort eine lange Tradition. Doch die Bedeutung der Industrie ist im Wandel. Wichtig sind heute weniger die produzierten Stückzahlen, sondern die Ausgefeiltheit und technische Perfektion der Güter. Dadurch werden die MitarbeiterInnen, mit ihren Fertigkeiten und ihrem Fachwissen, zur Basis des Erfolges der Industriebetriebe. Die GPA-djp setzt sich intensiv mit der zukünftigen Rolle der BetriebsrätInnen in der Industrieproduktion auseinander und startete diesen Prozess mit einer Diskussionsveranstaltung im Museum Arbeitswelt in Steyr Anfang Mai.

In den 60er Jahren wurden noch Kleidung oder Schuhe in heimischen Industriebetrieben erzeugt. Diese Industriebereiche wanderten großteils nach Asien oder Südamerika ab, weil dort die Lohnkosten geringer sind als in Europa. Darauf hat sich die heimische Wirtschaft eingestellt und investiert verstärkt in (Aus)bildung, Forschung und Entwicklung. Heute hat sich die Produktion auf sehr spezialisierte Produkt-Komponenten verlagert, die meist mit großem Know-How hergestellt werden. Die Bereiche Maschinenbau und Elektronik wachsen, die Produktion in der Eisen- und Metallbearbeitung und die Fahrzeugindustrie entwickeln sich dynamisch.

Für die Gewerkschaft bleiben die Industriebeschäftigten ein wichtiges Tätigkeitsfeld. Walter Hofstadler, Vorsitzender des Bundesausschusses Bergwerke und eisenerzeugende Industrie in der GPA-djp, denkt gemeinsam mit vielen ExpertInnen intensiv über die Rolle der BetriebsrätInnen im Rahmen der künftigen Entwicklung der Industrie in Österreich nach: „Die Bedeutung des einzelnen Mitarbeiters steigt, denn die Produktivität wächst enorm. In hoch spezialisierten Bereichen erwirtschaften immer weniger Menschen immer stärker steigende Erträge“. Hofstadler ist sich sicher, dass die Zukunft eines Industriebetriebes künftig noch stärker von den beschäftigten Menschen abhängig ist. Die Leistung und das Wohlbefinden des einzelnen Beschäftigten hängt wiederum stark mit ordentlichen Arbeitsbedingungen zusammen.

Betriebsräte als Erfolgsbasis

Alois Schlager, Vorsitzender des Bundesausschusses Metallindustrie in der GPA-djp, betont, dass eine gewerkschaftliche Vertretung der Belegschaft auch in Zukunft wichtig sein wird: „Betriebsräte sind kein Auslaufmodell, sie sind die Basis für den langfristigen Erfolg eines Industriebetriebes. Mit Blick auf 2020 denke ich, dass die Mitbestimmungsrechte der Betriebsräte künftig sogar wieder wachsen werden.“

Dass Gewerkschaft und Betriebsrat enorm wichtig sind, hat die Wirtschaft bereits in der aktuellen Krise gemerkt. „Wenn es kriselt, wird immer häufiger auf das Wissen und die Unterstützung der Gewerkschaften zurückgegriffen“, so Schlager. „Manchmal arbeiten die Betriebsräte intensiv an nachhaltigen Lösungen für die MitarbeiterInnen und den Betrieb, während sich das Management schon längst in Kurzfristlösungen geflüchtet hat.“

Für eine erfolgreiche Zusammenarbeit und Mitbestimmung seitens des Betriebsrates muss die Mitwirkung allerdings auf Augenhöhe stattfinden. „Mit Respekt füreinander haben Belegschaftsvertreter und Unternehmensleitung auch in Zukunft die besten Chancen wichtige Erneuerungen im Betriebe umzusetzen“, so Schlager. Er hält eine starke Interessenvertretung auch in Zukunft für enorm wichtig: sowohl für die Branchen selbst als auch für die Gesetzgebung in den Bereichen Soziales und ArbeitnehmerInnenpolitik.

Der Betriebsrat 2020

In der sich wandelnden Industrie wird sich auch die Rolle des Betriebsrates 2020 verändern. „Der Gesundheitsschutz wird in Zukunft ein immer wichtigeres Betätigungsfeld für die Betriebsräte werden“, prognostiziert der Experte. Das Ziel ist die gemeinsame Erarbeitung von Präventionskonzepten zwischen Unternehmensleitung und Betriebsräten. „Arbeitszeit und Erholungszeit müssen in einem ausgewogenen Verhältnis zueinander stehen“, erklärt Schlager.

 So befürwortet Schlager bei zeitgebundener Arbeit (Takte), wo die psychischen Belastungen enorm hoch sind, bezahlte Kurzpausen in kurzen Abständen. Regelmäßige Pausen wären aber auch bei vorwiegend geistigen Tätigkeiten wichtig, obwohl ihre Notwendigkeit bei den sogenannten Bürojobs auf den ersten Blick weniger ins Auge springt als bei körperlichen Arbeiten.

Schlager hat aus seiner Erfahrung heraus ein visionäres Modell von sogenannten „Fürsorgeverletzungszahlungen“ erarbeitet. Dabei würden kollektivvertraglich verankerte, externe Beobachtungsgremien aus ExpertInnen und BelegschaftsvertreterInnen die Gründe für Krankheiten der MitarbeiterInnen analysieren. Werden negative betriebliche Auslöser gefunden, soll es für die Betriebe Aufschlagszahlungen zur Sozialversicherung geben. Umgekehrt brächte eine für alle MitarbeiterInnen gut zugängliche Gesundheitsvorsorge gegen Überlastungserscheinungen dem Betrieb einen Bonus. Ein derartiges Konzept wäre eine gute Alternative zu derzeit häufig abgehaltenen Krankenrückkehrgesprächen, in denen der Arbeitnehmer aufgrund seiner betrieblichen Abhängigkeit nicht frei reden kann.

Info: Industrie in Österreich

Die wirtschaftliche Bedeutung der Industrie hat in Österreich in den vergangenen Jahrzehnten einen radikalen Wandel durchgemacht. Gemessen am Bruttoinlandsprodukt nahm die Herstellung von Waren, inklusive Bergbau, in den 60er Jahren noch einen Anteil von einem Drittel ein. Dieser Anteil reduzierte sich bis 2010 auf ein Sechstel.

Begleitend dazu sank die Zahl der Industriebeschäftigten rapide: waren es um 1980 noch über 620.000, so schrumpfte diese Zahl in den letzten 30 Jahren auf rund 398.000. Im Gegenzug dazu ist die Zahl der MitarbeiterInnen im Bereich der industriellen Dienstleistungen (IT, Logistik, etc.) stark gestiegen.

Der Produktionswert pro Beschäftigtem in der Industrie betrug 1960 11.500 Euro , 2010 waren es 320.000 Euro.

Der Anteil der Textilindustrie an der Gesamtproduktion betrug 1960 ca. 10 Prozent, 2010 war es 1 Prozent. Gleichzeitig erhöhte sich der Anteil der Produktion im Bereich Maschinenbau von 8 auf 13 Prozent.