Die geteilte Gesellschaft

Christine Mayrhuber (c)N.Wagner-Strauss

Ungleichheiten bei der Verteilung von Einkommen haben in den letzten Jahren zugenommen, Frauen sind stark benachteiligt. Die KOMPETENZ sprach mit Christine Mayrhuber vom WIFO über diese Entwicklung und die Rolle der Gewerkschaften.

Kompetenz: Wie entwickeln sich die Einkommen in Österreich?

Christine Mayrhuber: Im Zeitraum zwischen 2000 und 2010 erhöhte sich das Volkseinkommen im Durchschnitt um 3,4 Prozent pro Jahr. Dabei entwickelten sich die die Entgelte der ArbeitnehmerInnen mit 2,9 Prozent pro Jahr deutlich schwächer als die Nicht-Lohn-Einkommen – also Einkommen aus selbständiger Tätigkeit bis hin zu Vermögenserträgen – mit 4,6 Prozent.

Dieses Muster kehrte sich im Zuge der Finanzkrise kurzzeitig um. Mittlerweile hat sich der langfristige Trend, wonach eine Verschiebung immer größerer Einkommensanteile von den Lohn- zu den Nicht-Lohn-Einkommen stattfindet, fortgesetzt: Die Unternehmens- und Vermögenserträge wuchsen 2011 mit 8,4 Prozent mehr als doppelt so stark wie die die Entgelte der ArbeitnehmerInnen mit plus 3,9 Prozent.

Kompetenz: Warum sinkt der Anteil der Löhne am Volkseinkommen?

Christine Mayrhuber: Die Ursachen dafür sind vielfältig: Die steigende Arbeitslosigkeit reduziert die Zahl der aktiv Erwerbstätigen und macht Lohnerhöhungen schwieriger verhandelbar. Die Zunahme von Teilzeitarbeit und atypischen Beschäftigungsformen verstärkt den Abwärtstrend der Lohnquote, weil diese Arbeitsformen meist mit niedrigeren Einkommen einhergehen. Darüber hinaus sind die – aber meist ohnehin geringen – Einkommen der neuen Selbständigen, der Einpersonenunternehmen, unter den Nicht-Lohn-Einkommen verbucht.

Kompetenz: Welche Auswirkungen hat das auf die Menschen?

Christine Mayrhuber: Eine stetig sinkende Lohnquote verstärkt Schieflagen bei der Verteilung, schwächt langfristig die Konsumnachfrage privater Haushalte und erhöht die Armutsgefährdung. So wird die bestehende Finanzierungsbasis der sozialen Sicherheit ausgehöhlt und die Verteilungskonflikte nehmen zu. Das hat besonders negative Auswirkungen auf die Menschen im untersten Einkommenssegment.

Kompetenz: Wie sind die Einkommen verteilt?

Christine Mayrhuber: Die Lohn-Einkommen sind in Österreich äußerst ungleich verteilt. Über die Verteilung der Nicht-Lohn-Einkommen wissen wir leider zu wenig. Bei den Lohneinkommen sind in den letzten zehn Jahren die niedrigen Einkommen sowohl prozentuell als auch absolut gerechnet langsamer gewachsen als die oberen Einkommen.

Die Finanzkrise hat die Ungleichheiten in der Verteilung noch verstärkt. Denn die dauerhaften Folgen einer Rezession, wie die Arbeitslosigkeit besonders von Personen mit geringer Ausbildung, bewirken zunehmende Ungleichheit zu Lasten der unteren Einkommensgruppen.

Kompetenz: Wo werden Einkommensunterschiede sichtbar?

Christine Mayrhuber: Ungleichverteilungen in der Entlohnung zeigen sich überall dort besonders deutlich, wo der Arbeitsmarkt stark segmentiert ist: Es gibt teils hohe Unterschiede im Lohnniveau der Branchen, zwischen Vollzeit- und Teilzeitbeschäftigten, zwischen den Geschlechtern und verschiedenen Altersgruppen. In Wirtschaftsbereichen, wo der verstärkte Einsatz von Technologie oder große Produktionseinheiten zu Zuwächsen führen, liegt meist ein überdurchschnittliches Lohnniveau vor – beispielsweise in der Sachgüterindustrie. Bei personenbezogenen Dienstleistungen sind derartige Steigerungen nicht erreichbar.

Eine echte Senioritätsentlohnung – also die Zunahme der Entlohnung mit steigendem Alter – ist nur für angestellte Männer beobachtbar: 50- bis 55-Jährige verdienen mehr als doppelt so viel wie 20- bis 24-jährige angestellte Männer. Die Gehälter von Männern und Frauen klaffen selbst dann um 15 bis 20 Prozent auseinander, wenn Qualifikation, Berufserfahrung, Beschäftigungsausmaß und Wirtschaftszweig vergleichbar sind.

Kompetenz: Wieso verdienen Frauen immer noch weniger als Männer?

Christine Mayrhuber: Der österreichische Arbeitsmarkt ist gekennzeichnet von einer hohen geschlechtsspezifischen Segmentierung: In frauendominierten Niedriglohnbranchen ist der geschlechtsspezifische Einkommensunterschied geringer als in männerdominierten Hochlohnbranchen, wie beispielsweise bei Finanz- und Versicherungsdienstleistungen oder der Energieversorgung.

Viele berufliche Nachteile für Frauen ergeben sich durch eine geschlechtsspezifische Berufswahl, die stärker in den Niedriglohnsektor führt. Auch erziehungsbedingte Erwerbsunterbrechungen mit anschließender Teilzeitarbeit hemmen den Karriereverlauf und damit auch die Chance auf höhere Einkommen. Darüber hinaus müssen wir Frauen unsere eigenen Interessen verstärkt wahrnehmen und beispielsweise bei Lohnverhandlungen verfolgen.

Kompetenz: Was kann die Politik tun, um die Einkommen zu stärken?

Christine Mayrhuber: Die steigende Ungleichheit der Markteinkommen braucht eine Gegensteuerung: Diese kann in Mindeststandards genauso liegen wie in einer Umverteilung der Arbeitszeit, beispielsweise durch weniger Überstunden, bis hin zu einer stärkeren Regulierung vorhandener Arbeitsplatzbelastungen.

Kompetenz: Was können die Gewerkschaften tun?

Christine Mayrhuber: In Zeiten von Bestrebungen hin zu betrieblichen Lohnverhandlungen kommt den Gewerkschaften verstärkt die Rolle zu, die gesamtwirtschaftliche Produktivitätsentwicklung bei den Verhandlungen im Auge zu behalten, um die ohnehin vorhandenen sektoralen Lohnunterschiede zu bremsen. Es braucht starke Gewerkschaften, die sich für verbesserte Arbeits- und Einkommensbedingungen einsetzen um den Wirtschafts- und Arbeitsstandort Österreich zu verbessern.

Christine Mayrhuber ist Expertin für Einkommensverteilung, Arbeitsmarkt und soziale Sicherheit am Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung (WIFO). Ihre jüngste Studie über die Entwicklung und Verteilung der Einkommen, ein Beitrag zum diesjährigen Sozialbericht, wurde Mitte November präsentiert.