Soziale Arbeit ist mehr wert!

Soziale Arbeit ist mehr wert! (c)N.Wagner-Strauss

Beschäftigte im Gesundheits- und Sozialbereich kümmern sich um jene, die Hilfe brauchen. Sie selbst erhalten oft nicht genug Stunden, um ihre Existenz zu sichern. Und ihre zeitliche Flexibilität wird ausgereizt, sodass viele ein Burn-out erwischt.

Martha Fleschurz hat viele Sorgenkinder. Die Betriebsrätin bei der Volkshilfe OÖ, die im Bereich Mobile Pflege beschäftigt ist, erzählt von Frauen, die zu wenig verdienen, um ihre Fixkosten zu bestreiten und Arbeitgebern, die statt Vollzeit-  immer öfter Teilzeitkräfte beschäftigen. „Es gibt Stoßzeiten. Die Leute wollen in der Früh versorgt werden. Man braucht Unterstützung mittags und abends. Geteilte Dienste sind aber langfristig der psychische Tod der Mitarbeiter. Die Arbeitgeber stellen Leute daher nur mehr für zehn, zwölf, 15 Stunden wöchentlich an. Damit können sie die Spitzen gut abdecken.“

„Nach unseren Berechnungen liegt die Teilzeitquote in der Branche derzeit bei 70 Prozent“, sagt Klaus Zenz, Betriebsrat bei der Mosaik GmbH (Behindertenbetreuung) und Verhandlungsführer bei den diesjährigen Kollektivvertragsverhandlungen für die Gesundheits- und Sozialberufe. Die in der Branche üblichen Rahmenbedingungen – Patienten und Klienten gilt es sieben Tage in der Woche und auch rund um die Uhr zu betreuen und zu versorgen und Dienstpläne werden oft sehr kurzfristig bekannt gegeben – machen es aber oft unmöglich, einen zweiten Job anzunehmen.

Der mit dem Arbeitgeberverband Sozialwirtschaft Österreich ausverhandelte BAGS-Kollektivvertrag (benannt nach der früheren Bezeichnung Interessenvertretung für ArbeitgeberInnen im Gesundheits- und Sozialbereich) gilt in der Branche als Leit-KV. Einrichtungen wie Caritas oder Diakonie haben zwar eigene KVs, orientieren sich aber immer an den BAGS-Abschlüssen. Der BAGS sieht grundsätzlich eine bessere Bezahlung als etwa im Handel vor, betont Reinhard Bödenauer, in der GPA-djp für diese Branche zuständig. „Das, was von den Arbeitgebern daraus gemacht wird – die hohe Teilzeitquote, das Vorenthalten von Zuschlägen, die vollvariable Zeit der Verfügbarkeit – machen daraus aber eine Niedriglohnbranche.“

Die Arbeitgeber setzen alles daran, „um bei der Arbeitszeitgestaltung zu sparen“, konstatiert Bödenauer. Es gebe zwar auch freiwillige Teilzeitarbeit. Doch dann gebe es oft Probleme, dass auf die zeitlichen Bedürfnisse dieser Beschäftigten keine Rücksicht genommen wird. Eine Frau, die Teilzeit arbeitet, um sich ab dem späten Nachmittag um ihre schulpflichtigen Kinder zu kümmern, kann nicht arbeiten, wenn sie kurzfristig auch Abenddienste machen muss.

Die Arbeitgeber ihrerseits spüren den Druck der Politik. Der Sektor ist öffentlich finanziert und die öffentliche Hand muss den Gürtel immer enger schnallen. „Die Finanzierung ist ein Schlüsselthema. Und ich erlebe die Arbeitgeber als politische Erfüllungsgehilfen“, sagt Bödenauer. Man könne die Gruppe der jener Menschen, die Pflege und Betreuung benötigen, aber nicht aus einer Gesellschaft wegdenken. Und für jene, die sie betreuen bzw pflegen, müssten die Arbeitsbedingungen verbessert werden. Burn-out sei ein großes Thema, betont auch Zenz. „Die Arbeitgeber kennen die Problematik. Aber das Problem wird meist auf die Arbeitnehmer abgewälzt.“

Gesundheits- und Sozialberufe: hierzu zählen die stationäre, ambulante und mobile Pflege, die Betreuung Behinderter, sowohl geistig als auch psychisch („das vermischt sich in der letzten Zeit immer stärker“), die Erwachsenensozialarbeit (zum Beispiel mit Obdachlosen), die Arbeit mit Drogen- und anderen Suchtkranken, MigrantInnen, aber auch die Betreuung von Kindern (Kindergärten, Kindergruppen, Tagesmütter).

Bödenauer schätzt die Anzahl der hier insgesamt Beschäftigten auf 200.000. Der Großteil arbeitet nicht nur Teilzeit, sondern ist auch weiblich. „Der Frauenanteil beträgt zwei Drittel bis drei Viertel.“ Wie auch im Handel gibt es hier zudem viele Beschäftigte mit Migrationshintergrund. Die Fluktuation ist hoch. In vielen Einrichtungen beträgt die durchschnittliche Verweildauer nur ein Jahr. Wer seinen Dienstplan, nicht wie im BAGS-KV vorgeschrieben, jeweils einen Monat im Voraus für den Folgemonat erhält, sondern erst in der Woche davor oder sogar am Tag selbst um sechs Uhr in der Früh anrufen muss, um zu erfragen, ob er an diesem Tag Dienst hat oder nicht, hat keine Möglichkeit, zur Ruhe zu kommen und kann über seine Zeit nicht frei verfügen. Dann sucht man sich rasch einen anderen Job.

An die 90.000 Menschen sind nach dem BAGS-KV beschäftigt, der in acht Bundesländern gilt. Vorarlberg hat einen eigenen Sozialdienste-KV. Bisher wurde jeder einzelne KV in dieser Branche Jahr für Jahr einzeln verhandelt. Das bleibt auch weiter so, aber dieses Jahr gab es die Premiere einer Globalrunde zu Beginn des Verhandlungsreigens. „Ich erwarte mir davon für die Zukunft, dass wir immer breiter gemeinsam in dieser Branche auftreten“, sagt Bödenauer. 1997 gab es das Ziel, einen KV für den gesamten privaten Sozialbereich zu schaffen. Das ist nicht gelungen. Nun muss man sich dem Ziel mit der Globalrunde anders annähern.

Bewusstsein will Bödenauer zum Beispiel auch dafür schaffen, welche emotionale Arbeit die Beschäftigten hier leisten. „Man kann beim Bäcker oder Maurer die Säcke das Gewicht auf 25 Kilo-Säcke limitieren und das ist schwer. Aber Die emotionale Härte wird nicht gesehen. Ich habe in der Heimpflege einen Todesfall, schwierige Klienten in der Behindertenarbeit, aber emotional schwere Arbeit hat keinen Stellenwert.

„Wir brauchen eine gute Bezahlung und Arbeitsbedingungen, die Burn-out verhindern“, betont auch Zenz. „Ich muss einen Monat im Voraus wissen, wie ich Dienst zu tun habe. Das ist ein entscheidender Punkt in Richtung Burnout-Prophylaxe.“ Fleschurz wünscht sich, dass die Politik einen Rahmen schafft, der es den Arbeitgebern ermöglicht, z.B. in der mobilen Pflege MitarbeiterInnen Vollzeit zu beschäftigten. Die Betriebsrätin ist davon überzeugt, dass das funktioniert. „Man müsste die Betreuungsgebiete anders gestalten. Je größer ein Gebiet ist und je mehr Klienten ich betreue, desto größer ist auch mein Pool an Mitarbeitern. Dann kann ich mit Dienstüberschneidungen arbeiten, habe die Spitzen abgedeckt und kann auch die Wochenenden gut bewältigen.“