„Hört auf, uns zu retten!“

Die "Klinik der Solidarität" in Thessaloniki bietet für Bedürftige kostenlos medizinische Versorgung an. (Copyright: Kathrin Niedermoser)

Die „Klinik der Solidarität“ in Thessaloniki bietet für Bedürftige kostenlos medizinische Versorgung an. (Copyright: Kathrin Niedermoser)

Das Projekt „Klinik der Solidarität“ will neben konkreter Hilfe auch die solidarische Politik als Alternative zur einseitigen Sparpolitik in Europa propagieren.

„Hört auf uns zu retten!“, appelliert die griechische  Psychologin Katerina Notopolou, eine der Mitinitiatorinnen des Solidaritätsprojekts  „Klinik der Solidarität“ in Thessaloniki und meint damit jene strengen Auflagen, die von der Troika, bestehend aus EU-Kommission, Europäischer Zentralbank (EZB) und Internationalem Währungsfonds (IWF) dem griechischen Staat verordnet wurden. Die Folgen dieser Maßnahmen, die insbesondere Sparmaßnahmen im Sozial- und Gesundheitsbereich betreffen, sind für die Mehrheit der griechischen Bevölkerung verheerend. Durch die Wirtschaftskrise ist inzwischen ein Viertel der Bevölkerung ohne Arbeit. Unter den jungen Menschen liegt die Arbeitslosigkeit inzwischen bei über 60 Prozent. Die Mindestlöhne und das Arbeitslosengeld wurden drastisch gekürzt, die Pensionen sanken um 20 bis 30 Prozent. Ein Drittel der Griechinnen und Griechen leben derzeit unter der Armutsgrenze.

„Neben der unmittelbaren Not und Verzweiflung ist besonders schlimm, dass gewachsene Strukturen des Sozial- und Gesundheitssystems schlagartig vernichtet werden und keine Hoffnung besteht, dass sie wieder errichtet werden“, so Katerina Notopolou. Das griechische Gesundheitssystem wurde in den achtziger Jahren großzügig ausgebaut und galt als vorbildlich. Nun ist alles anders. Wer arbeitslos ist, verliert jeden Versicherungsschutz. Inzwischen sind 40 Prozent der Bevölkerung nicht versichert. Viele staatliche Gesundheitszentren und Krankenhäuser wurden geschlossen. Steigende Selbstbehalte machen Gesundheitsleistungen für die Bevölkerung zum unerschwinglichen Gut. Kein Wunder, dass längst überwunden geglaubte Krankheiten wieder auftreten, oder sich Menschen dringende Zahnbehandlungen nicht mehr leisten können. Durch die allgemeine Hoffnungslosigkeit steigen auch psychische Erkrankungen und Depressionen.

Grundlegende Bedürfnisse

„Wir wollten nicht mehr zusehen, wie die öffentlichen Institutionen nicht mehr in der Lage sind, grundlegende Bedürfnisse der Bevölkerung zu befriedigen und nahmen uns das Motto  ‚Etwas zu sagen ist etwas zu tun!‘ von José Martí zu Herzen“, so Notopolou.  ÄrztInnen, KrankenpflegerInnen und TherapeutInnen gründeten im Herbst 2011 die „Klinik der Solidarität“ im nordgriechischen Thessaloniki. Ursprünglich war diese Klinik für die medizinische Versorgung von Flüchtlingen gedacht, inzwischen wird sie täglich weit über diese Zielgruppe hinaus von über 100 PatientInnen in Anspruch genommen. Die Ambulanz befindet sich in den Räumlichkeiten des Gewerkschaftsdachverbandes GSEE und wird selbstverwaltet geführt, alle Beteiligten arbeiten ehrenamtlich. In einer Apotheke erhalten die PatientInnen kostenlos Medikamente und die Ambulanz bietet auch kostenlose Schutzimpfungen für Kinder an, da sich viele Eltern diese nicht mehr leisten können.

Politisches Projekt

Die Klinik arbeitet unabhängig von politischen Institutionen, versteht sich aber als politisches Projekt. „Wir verbinden unsere Arbeit mit dem politischen Engagement gegen Sozialabbau, Rechtsextremismus und Rassismus. Inzwischen ist die ökonomische und soziale Krise von einer schweren politischen Krise begleitet. Rechtsradikale, offen faschistische Gruppierungen treten immer selbstbewusster und militanter  in Erscheinung und versuchen, die Not im Lande für ihre politischen Ziele zu nutzen. Einrichtungen wie unsere Klinik sollen auch ein Ort sein, wo gegen die um sich greifende Hoffnungslosigkeit Kraft und konkrete Solidarität entwickelt wird“, erklärt Katerina Notopolou.

Die Klinik finanziert sich ausschließlich aus Spendengeldern, die Landesstelle des Gewerkschaftsverbandes übernimmt die Kosten für Miete, Strom und Heizung. Die gesammelten Spenden fließen direkt in die Versorgung der PatientInnen und werden für Medikamente, Schutzimpfungen, zahnmedizinisches Material usw. verwendet.

Kommentar Wolfgang, Internationaler Sekretär der GPA-djp

Wolfgang Greif, Internationaler Sekretär der GPA-djp

Wolfgang Greif, Internationaler Sekretär der GPA-djp

Griechenland kein Einzelfall

„Uns ist völlig klar, dass man Griechenland nicht mit Spendengeldern retten kann. Spenden ersetzen nicht das Ringen um den notwendigen Kurswechsel in der EU. Wir haben uns aber entschlossen, dieses Projekt zu unterstützen, weil es die Möglichkeit bietet, anhand der konkreten Betroffenheit aufzuzeigen, wohin falsche Prioritäten in der Politik führen. Die zunehmende Verarmung breiter Bevölkerungsteile ist ja längst kein Phänomen allein der griechischen Gesellschaft. Kommt es zu keinem Kurswechsel, wird aus der ökonomischen und sozialen Krise eine politische Krise der gesamten Europäischen Union, die ihre Grundfesten in Frage stellt. Der von den Anhängern der Austeritätspolitik erhoffte Aufschwung ist weit und breit nicht in Sicht. Im Gegenteil, durch die einseitigen Sparmaßnahmen werden immer mehr Volkswirtschaften in die Rezession getrieben. Die unter dem Titel Griechenlandrettung bereitgestellten Milliarden sind jedenfalls nicht bei jenen Menschen angekommen, die Hilfe benötigen, im Gegenteil, ihre Situation hat sich verschlimmert. Daher brauchen wir statt solcher Rettungspakete, die in Wirklichkeit das europäische Bankensystem und das Vermögen der Einleger gerettet haben, Maßnahmen und Aufbauprogramme, die den Menschen in Europa Arbeit, Hoffnung und vor allem den jungen Menschen wieder Perspektive geben.“

Spenden

Kontoinhaber: weltumspannend arbeiten
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BLZ: 14 000 (BAWAG P.S.K.)
IBAN: AT091400046610093809
BIC: BAWAATWW

Alle gesammelten Spenden werden zu 100% direkt an die „Klinik der Solidarität“ übergeben.