Asylsuchende brauchen Arbeit

Geschäftsführerin Andrea Eraslan-Weninger fordert besseren Zugang zum Arbeitsmarkt für Asylwerber. (Foto: Nurith Wagner-Strauss)

Geschäftsführerin Andrea Eraslan-Weninger fordert besseren Zugang zum Arbeitsmarkt für Asylwerber. (Foto: Nurith Wagner-Strauss)

Das Integrationshaus betreut mehr als 4.000 Menschen im Jahr. Leiterin Andrea Eraslan-Weninger fordert eine Erhöhung der Grundversorgung, das Recht auf Arbeit für Geflüchtete und ein überarbeitetes Asyl- und Fremdenrecht.

KOMPETENZ: Wie schaut aktuell der Alltag im Integrationshaus aus?
Eraslan-Weninger:
Bei uns sind derzeit an die 100 MitarbeiterInnen beschäftigt und insgesamt betreuen wir mehr als 4.000 Menschen. Schwerpunkt sind Asylsuchende, subsidiär Schutzberechtigte und Asylberechtigte. In unseren Bildungsprojekten kümmern wir uns aber auch um viele MigrantInnen.

KOMPETENZ: Welche Art von Hilfe bekommen die Menschen bei Ihnen?
Eraslan-Weninger:
Das ist ganz unterschiedlich. Wir haben einerseits einen Wohnheimbetrieb, in dem 110 Personen untergebracht sind, zumeist Asylsuchende. Viele von ihnen haben einen erhöhten Betreuungsbedarf, beispielsweise Alleinerzieherinnen mit ihren Kindern, psychisch Kranke, Menschen, die traumatisiert sind. Aktuell leben auch 20 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge zwischen 14 und 18 Jahren bei uns.

KOMPETENZ: Was bringen gerade allein geflüchtete Minderjährige an Bedürfnissen mit?
Eraslan-Weninger:
Viele haben sehr viel Leid – vor der Flucht, auf der Flucht – erlebt. Es ist ganz wichtig dass es hier ein gutes Angebot gibt zur psychischen Stabilisierung und Aufarbeitung. Und wichtig ist auch eine gute Vertretung im Asylverfahren, denn die Gesetze sind immer restriktiver und komplizierter geworden. Da ist unsere unabhängige Rechtsberatung sehr wichtig, die nur aus Spenden finanziert wird. Es ist uns aber ein großes Anliegen, weil die staatliche Rechtsberatung viele Gebiete nicht abdeckt. Wir bieten eine kostenlose Vertretung quer durch alle Instanzen an, zum Beispiel auch vor dem Asylgerichtshof im Beschwerdeverfahren.

KOMPETENZ: Was gibt es noch für Angebote?
Eraslan-Weninger:
Wir machen sehr viel im Bereich Bildung. Das eine ist die Sprache, das andere die Heranführung an den Arbeitsmarkt. Wir knüpfen Kontakte zur Wirtschaft, versuchen Arbeitsplätze für die Menschen zu finden und Lehrstellen für Jugendliche. Dasselbe machen wir im Wohnbereich. Mit Spenden des Weinguts Gernot und Heike Heinrich und Spar, wo die Weine verkauft werden, finanzieren wir hier eine Integrationsbegleitung.

KOMPETENZ: Was bräuchten die Menschen noch, um sich in Österreich einzuleben?
Eraslan-Weninger:
Ein ganz wichtiger Punkt ist, dass Asylsuchende während des Asylverfahrens außer als Saison- und Erntehelfer nicht arbeiten dürfen. Das ist eine große Tragödie.

KOMPETENZ: Wie könnte Arbeit den Menschen helfen?
Eraslan-Weninger:
Wir müssen den Menschen derzeit raten, dass sie während des Asylverfahrens ohne entsprechende Bewilligung nicht arbeiten, weil es rechtliche Konsequenzen hätte. Sie sind daher auf die Leistungen in der Grundversorgung angewiesen, doch diese sind viel zu niedrig. Etwas über 300 Euro im Monat sind zu wenig, um sich in Wien eine Wohnung zu finanzieren und zu überleben. Hier müssten die Sätze dringend angehoben werden. Das ist das eine. Auf der anderen Seite ist das Schlimme, dass viele Verfahren immer noch Jahre dauern. Während dieses Wartens gehen mitgebrachte Qualifikationen und praktische Fähigkeiten verloren, da findet eine Dequalifikation statt. Und es ist dann nach einer Anerkennung sehr schwer, am Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Daher fordern wir, dass es längstens nach sechs Monaten nach Antragstellung im Asylverfahren einen vollen Zugang zum Arbeitsmarkt gibt. Das wäre sowohl für die Betroffenen als auch die Gesellschaft wichtig. Es würde auch die Grundversorgung entlasten.

Und noch etwas: Für Jugendliche gibt es über Erlässe zwar inzwischen einen Zugang zur Lehrausbildung, aber mit der Einschränkung, dass dieser Zugang nur für Mangelberufe gewährt wird. Und es ist auch nicht vorgesehen, dass das AMS diese Jugendlichen aktiv betreut, sie können sich also nicht arbeitssuchend melden. Es gibt auch keine Arbeitsmarktförderungen für diese Jugendlichen. Und sie sind von der überbetrieblichen Lehrausbildung ausgeschlossen. Daher finden in der Praxis nur sehr wenige eine Lehrstelle.

KOMPETENZ: Was müsste die Politik aus Ihrer Sicht darüber hinaus an den Rahmenbedingungen ändern?
Eraslan-Weninger:
Ich denke, die unzähligen Todesopfer der europäischen Abschottungspolitik erlauben es uns nicht, einfach zur Tagesordnung überzugehen. Es braucht dringend eine Reform, die gesicherte legale Einreisemöglichkeiten schafft. Und wir brauchen eine Abschaffung des Dublin II-Systems, wonach in der Regel jenes EU-Mitglied zuständig ist, das von der schutzsuchenden Person als erstes betreten wurde. Hier braucht es einfach ein solidarischeres Aufteilungssystem. Und es braucht auch mehr Wahlfreiheit für die Flüchtlinge, die kommen. Vor allem aber muss jeder Flüchtling in Europa Schutz und Sicherheit finden können.

KOMPETENZ: Auch Österreich sollte hier noch mehr tun?
Eraslan-Weninger:
Es wäre ganz wesentlich, das Asyl- und Fremdenrecht zu überarbeiten, sodass es wirklich ein menschliches Gesetz wird. Und es müsste ein Bleiberecht geschaffen werden, das diesen Namen auch verdient. Wichtig wäre es, die Grundversorgung zu reformieren und die Finanzmittel dafür anzuheben, um eine adäquate Betreuung für jeden Flüchtling sicherzustellen.

Das Integrationshaus leistet einen großen Teil seiner Arbeit mit der Hilfe von Spendenmitteln. Finanziert werden mit diesen zum Beispiel die unabhängige Rechtsberatung, die psychologische Betreuung für traumatisierte Flüchtlingskinder, die Betreuung unbegleiteter Minderjähriger, Deutschkurse und die Betreuung eines Wohnprojekts.

Spendenkonto: 671 130 300, BLZ 12000, Bank Austria

www.integrationshaus.at