Moderne Sklaverei auf WM-Baustellen

Abdeslam Ouaddou ist das Sprachrohr der Kampagne "Neu Abstimmen" (Foto: ÖGB / Thomas Reimer)

Abdeslam Ouaddou ist das Sprachrohr der Kampagne „Neu Abstimmen“ (Foto: ÖGB / Thomas Reimer)

Täglich stirbt ein Arbeiter auf den Baustellen für die Fußball-WM 2022 in Katar. Die Gewerkschaftskampagne „Neu Abstimmen“ kämpft dagegen an.

Abdeslam Ouaddou schwitzt und ringt nach Luft. Er richtet sich auf und beginnt zu laufen. Bei 50 Grad und praller Sonne machen sich im Laufrhythmus pochende Kopfschmerzen breit. Angestrengt kämpft er sich an sein Ziel und kann seinen Durst stillen. Der Fußballprofi hat das Training beendet. Er steht in der Wüste Katars und ist allein – gefangen in einem System, das Kafala heißt.

Kafala
Katar ist etwas kleiner als Oberösterreich. Im Land leben knapp zwei Millionen Menschen, nur 250.000 haben die katarische Staatsbürgerschaft. Der Rest sind ausländische ArbeitnehmerInnen, die durch Kafala an einen Arbeitgeber gebunden sind. Bei diesem Bürgschafts-System ist der Arbeitgeber für die Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigungen der Beschäftigten verantwortlich. Fortan bestimmt er fast uneingeschränkt über ihr Schicksal. Ein Jobwechsel ist nur mit seiner Zustimmung möglich. Kommt es zu einem arbeitsrechtlichen Konflikt, kann er die Ausweisung der ArbeitsmigrantInnen verlangen. Wer das Land verlassen will muss oft auf alle noch offenen Ansprüche verzichten. AusländerInnen dürfen sich nicht gewerkschaftlich organisieren.

Sklaven für die Fußball-WM 
Sie kommen aus Indien, Nepal oder Sri Lanka und hoffen auf gute Arbeit. Tatsächlich sind sie bereits verschuldet, wenn sie ins Land kommen. Die Jobs im Emirat sind begehrt und nur über teure Vermittlerdienste zu ergattern. Reisekosten werden nur vorgestreckt, am Flughafen wird Vielen der Pass abgenommen. Sie schuften bis zu 16 Stunden am Tag bei Gluthitze auf schlecht gesicherten Baustellen. Oft gibt es kein kostenloses Wasser. Löhne werden monatelang nicht ausbezahlt. Abends zwängen sie sich zu vierzehnt in einen dreckigen Container ohne Klimaanlage. Sie, das sind hunderttausende gesichts- und namenslose Arbeitsmigranten, die Infrastruktur für die Fußball-WM 2022 in Katar errichten, einem der reichsten Länder der Welt.

In Katar treffen krasse Gegensätze aufeinander: Die Arbeitsbedingungen in einem der reichsten Länder der Welt sind grauenhaft. (Bild: Frank Rumpenhorst / dpa / picturedesk.com)

In Katar treffen krasse Gegensätze aufeinander: Die Arbeitsbedingungen in einem der reichsten Länder der Welt sind grauenhaft. (Bild: Frank Rumpenhorst / dpa / picturedesk.com)

Für Abdeslam Ouaddou hatte es gut begonnen. Nach Stationen in Europas Topligen heuerte der vielfache Nationalspieler Marokkos beim Lekhwiya SC in Katar an, neu gegründet von einem vermögenden Scheich. Die erste Saison lief ausgezeichnet, Ouaddou war maßgeblich am Gewinn der Meisterschaft beteiligt. Doch er fiel beim Scheich in Ungnade und wurde ohne Vertragswerk zu einem anderen Team geschickt. Als er auf die Einhaltung seines ursprünglichen Vertrags pochte, wurde das Gehalt gestoppt und Ouaddou musste mit seiner Familie die Unterkunft des Klubs verlassen. Sein neues Team verweigerte ihm das Trainingslager in kühleren Regionen. Um seine Ansprüche zu behalten, trainierte er allein während des katarischen Sommers. Als er das Land entnervt verlassen wollte, wurde ihm die Ausreise verweigert. Was wie Willkür und Vertragsbruch durch die Klubs erscheint, ist dank dem Kafala-System geltendes Recht.

Die Arbeitsbedingungen und Unterkünfte sind so miserabel, dass täglich ein Arbeiter stirbt – direkt auf den Baustellen oder nachts an einem Herzinfarkt. Aus Verzweiflung nehmen sich Manche das Leben. Arbeiter, die sich verletzten oder arbeitsunfähig werden, überlässt man sich selbst. Wer protestiert oder kündigen will, wird verjagt. Durch die Bindung an den Kafala-Bürgen ist es unmöglich, eine neue Arbeit zu bekommen. Ändert sich nichts an ihrer Situation und dem Kafala-System, sterben bis zum Beginn der WM mehr Arbeiter als die 736 Fußballer, die zum Turnier fahren. Worunter die Arbeiter leiden, hat einen Namen: moderne Sklaverei.

Internationale Gewerkschaftskampagne
Im Oktober 2013 spricht Abdeslam Ouaddou in Wien über seine Erfahrungen. Katar hat er mittlerweile verlassen, ein Verfahren wegen ausstehender Gehälter liegt beim Fußball-Weltverband FIFA. Aus Solidarität zu den Arbeitern auf den Baustellen und den Opfern des Kafala-Systems sorgt er gemeinsam mit dem Internationalen Gewerkschaftsbund (IGB) für eine weltweite Debatte über die Verhältnisse im Golfstaat. Ouaddou ist das Gesicht der Kampagne „re-run the vote“ („Neu Abstimmen – Keine Fußball-WM ohne Arbeitnehmerrechte“). Das Ziel ist, Katar die WM zu entziehen und in ein Land zu verlegen, das Arbeitnehmerrechte respektiert. Gleichzeitig setzen sich GewerkschafterInnen dafür ein, dass Leben gerettet und die Arbeitsbedingungen verbessert werden. Sie fordern ein Ende des Kafala-Systems und das Recht auf gewerkschaftliche Organisation.

Noch versuchen die Vertreter der FIFA und Katars zu beruhigen. „Die FIFA kann nicht in die Arbeitnehmerrechte eines Landes eingreifen, aber wir können sie auch nicht ignorieren“, meint FIFA-Präsident Joseph Blatter. Nach weltweiten Medienberichten wächst der Druck, auch namhafte Fußball-Funktionäre äußern Kritik. Wolfgang Niersbach, der Präsident des mächtigen Deutschen Fußballbundes (DFB), ist empört: „Hiervor werden wir unsere Augen nicht verschließen. Wir haben dieses Thema deshalb in engem Schulterschluss mit dem Deutschen Gewerkschaftsbund bei der FIFA platziert“. Beim Österreichischen Fußball-Bund (ÖFB) betont man, dass WM-Infrastruktur nur unter humanen Arbeitsbedingungen gebaut werden darf, einem internationalen Protest würde man sich anschließen (siehe Interview). Bereits zuvor beteuerte Präsident Windtner: „Diesem Thema wird man Augenmerk schenken müssen.“ Die Kampagne des IGB kann im Internet unterstützt werden. www.rerunthevote.org

 

Leo Windtner, Präsident Österreichischer Fußball-Bund (Foto: EnergieAG)

Leo Windtner, Präsident Österreichischer Fußball-Bund (Foto: EnergieAG)

Interview mit ÖFB-Präsident Leo Windtner
Kompetenz: Herr Windtner, wie steht der ÖFB zu den Berichten über die Lage der Arbeiter in Katar?
Leo Windtner: Die Berichte zeigen kein gutes Bild von den Arbeitsbedingungen. Einerseits ist die Schaffung von Sportinfrastruktur bei Großveranstaltungen ein zwingendes Kriterium, anderseits darf das nur unter humanen Arbeitsbedingungen passieren. Meist garantiert der Staat, dass die Infrastruktur zu einem bestimmten Datum fertiggestellt ist. Die FIFA als Organisator einer WM muss sich dabei auf den Ausrichter verlassen. Jedenfalls ist jeder Ansatz der Ausbeutung von Arbeitskräften aufzuklären und zu verurteilen.

Kompetenz: Der DFB hat seine Kritik bei der FIFA bereits geäußert. Wird der ÖFB ebenfalls protestieren oder sich bei internationalen Protesten einbringen?
Windtner:
Wir haben unsere diesbezüglichen Bedenken bereits geäußert und würden uns durchaus anschließen, falls mehrere Nationalverbände in dieser Richtung aktiv werden.

Kompetenz: Bei 50 Grad lässt sich kaum arbeiten und Fußball spielen. Eine Turnier-Verlegung in den Winter ist kompliziert. Hätte man die WM 2022 an einen anderen Bewerber vergeben sollen?
Windtner: Es gibt viele Diskussionen rund um die Vergabe dieser WM. Ich denke, dass die Entscheidung der FIFA wohl überlegt und entsprechend geprüft wurde. FIFA-Präsident Blatter hat einer Verlegung in den Winter eine Absage erteilt. Wenn es aber dabei bleibt, müssen auf jeden Fall akzeptable und faire Bedingungen für die Teams und Fans aller teilnehmenden Nationen gewährleistet sein. Ansonsten wäre eine Neuvergabe tatsächlich zu überlegen.