Industriestandort Österreich

Die Wirtschaftskrise geht auch an der österreichischen Industrie nicht spurlos vorbei. Gerade jetzt müssen Rahmenbedingungen zum Erhalt der industriellen Substanz des Landes geschaffen werden.

Die Wirtschaftskrise ist immer noch nicht ausgestanden. Zeitweise gab es Entwarnung, dann verdüsterten wieder schlechte Prognosen den Horizont. Die politische Krise im Zuge des Russland-Ukraine-Konflikts führt zu zusätzlicher Unsicherheit. Was bedeutet das für den Wirtschaftsstandort Österreich? Wird die Krise langfristig der Industrieproduktion schaden?

Manche Akteure zeichnen Horrorszenarien, wie z.B. der Fachverband Maschinen- und Metallwarenindustrie (FMMI) bei der Herbstlohnrunde, und mahnen, dass ein Steigen der Lohnkosten mittelfristig einen Bankrott des Produktionsstandortes bedeuten würde. Auch VOEST-Alpine-Chef Wolfgang Eder ließ neulich verlauten, dass weitere Umweltauflagen die stahlerzeugende Betriebe wie den seinen zur Abwanderung in ihnen günstiger gesonnene Länder zwingen würden. Kann die heimische Wirtschaft trotz Kostendrucks weiterhin konkurrenzfähig bleiben?

Karl Aiginger, der Chef des Wirtschaftsforschungsinstituts (WIFO), brachte es im Rahmen einer industriepolitischen Tagung von AK und ÖGB im November auf den Punkt: „Den Standort erhalten wir nicht durch Kostensenkung, sondern durch Produktivitätssteigerungen“. Dafür seien die Rahmenbedingungen in Österreich nach wie vor sehr gut. Die Betriebe müssten sich auf ihre Stärken, wie hohe Innovationskraft und hoch entwickelte Technologie besinnen und die Politik muss für die nötigen Rahmenbedingungen sorgen.

Österreich hat wichtige Leitbetreibe, wie etwa die voestalpine und Siemens Österreich, die auf dem Weltmarkt gut bestehen können und eine hohe Exportquote aufweisen. Diese Leitbetreibe, an denen viele nachgelagerte Bereiche sowohl in der Industrie als auch im Dienstleistungsbereich hängen, zu erhalten, sei essentiell. Aiginger plädiert für eine so genannte „High Road Strategie“. Trotz einer soliden Grundstruktur ortet der Chef des WIFO dringenden Handlungsbedarf, etwa bei der Abgabenstruktur. Der Faktor Arbeit sei in Österreich viel zu hoch belastet, dieser müsse entlastetet und dafür etwa Grund und Boden und Umweltbelastung stärker belastet werden. Im Bildungssystem herrsche eine Baustelle und gerade die Verfügbarkeit hoch qualifizierter Arbeitskräfte, die auch mit der entsprechenden sozialen Kompetenz ausgestattet sind, sei unerlässlich. Aiginger unterstützt die zuletzt auch von der Industriellenvereinigung forcierten gemeinsamen Ganztagschulen für alle Kinder bis 14.

Die Rektorin der Technischen Universität Wien, Sabine Seidler, pflichtete Aiginger bei. Soziale Kompetenz und auch der Mut zum „Querdenken“ seien die Basis für Innovation. Die österreichische Politik sei gut beraten, eine strategisch ausgerichtete Industriepolitik zu forcieren, die auf den vorhandenen Stärken aufbaue. Eine hoch entwickelte Sozialpolitik, die man als wichtige Produktivkraft erkennen müsse, gehöre zu den Erfolgsdeterminanten einer solchen strategisch ausgerichteten Politik, betonte Aiginger.

Industrie 4.0

Gleichzeitig läuft schon seit Jahren, weniger dramatisch, aber dafür unaufhaltsam, ein neuer Prozess der Automatisierung und Digitalisierung in den Produktionsbetrieben wie auch im Dienstleistungssektor, für den der Begriff „Industrie 4.0“ geprägt wurde. Dabei geht es ums nichts weniger als die vierte industrielle Revolution: Die Fabrikarbeit wandelt sich. Auf die Mechanisierung (Dampfmaschine) folgte die Industrialisierung (Fließband) und danach die Automatisierung (Roboter). Was wir derzeit als vierte Revolution erleben, ist die Vernetzung der Produktion, bei der Mensch, Maschine und Roboter entlang der Wertschöpfungskette in Echtzeit mittels cyberphysischer Systeme kommunizieren. Diese Vernetzung erlaubt eine Produktion auf Nachfrage, wo sich das Produkt den individuellen Wünschen des Kunden anpasst. „Smarte“ Maschinen und heben die Produktion auf eine neue Ebene. Ziel dabei ist eine hohe Effizienz: Die „Smart Factory“ kann flexibler als bisher auf die Anforderungen des Marktes reagieren. Trotzdem läuten bei solchen Veränderungen auch die Alarmglocken: Bringt das weitere Arbeitsplätze in Gefahr? Wieviel Mensch braucht solche Effizienz überhaupt noch?

Produktentwicklung

Neben den oben genannten industriellen Leitbetrieben gibt es in Österreich auch viele sehr erfolgreiche Industrieunternehmen, die durch Spezialisierung auf Hochtechnologien am Weltmarkt reüssieren können. Ein Unternehmen, das die Stärken des Standortes Österreich sehr erfolgreich nutzt, ist zum Beispiel die Firma HOERBIGER in Wien.

Das Unternehmen Hoerbiger Ventilwerke GmbH & Co KG hat seinen Produktionsstandort in Wien-Simmering. Ein Betrieb, wo solche Prozesse der neuen Effizienz und der Vernetzung in vollem Gange sind. Eine Smart Factory mitten in Wien. Hoerbiger ist ein weltweiter Konzern, der wirtschaftlich kerngesund ist und nachgefragte hoch entwickelte Produkte erzeugt. Angestellten-Betriebsratsvorsitzender Michael Zins führt stolz durch den Betrieb. Seit 35 Jahren geht er hier täglich seiner Arbeit nach. Die Belegschaft, die er vertritt, findet gut abgesicherte Arbeitsplätze und beste Rahmenbedingungen vor.

Der Konzern Hoerbiger produziert Ventile, Mengenregelungen sowie Ringe und Packungen für Kolbenkompressoren. Zudem entwickelt und fertigt das Unternehmen Gasmotorensteuerungen am Standort. „Hoerbiger verstand es, über Jahrzehnte immer neue Nischenmärkte zu erschließen. Das gelang vor allem durch neue Innovationen, die wir auch selbst gefertigt haben“, beschreibt Zins die Gründe für den Erfolg des Unternehmens.

Clevere Lösungen

Auch heute noch lebt das Unternehmen von neuen Patenten und Innovationen. Man sieht sich selbst als „Tüftler“, sagt Zins, man sucht nach cleveren Lösungen. Was es dazu braucht, sind kluge Köpfe, und die finden sich – in Wien und Österreich. Denn hier gibt es gute Ausbildungsstätten und die Absolventen der Universitäten und Fachhochschulen.

Gute Fachkräfte sind ein klarer Standortvorteil. Nicht nur bei Hoerbiger sind gut ausgebildete Arbeitskräfte und eine hohe F&E-Quote zentral für den wirtschaftlichen Erfolg verantwortlich. Das war mit einer der Gründe, warum es Österreich gelang, die Krise besser zu bewältigen: Weil die Industrieproduktion insgesamt an hoher Wertschöpfung und Innovation orientiert ist.

Smart und flexibel

Bestens ausgebildete ArbeitnehmerInnen und ein guter Standort sind also große Assets. Ist Hoerbiger aber auch dann „smart“, wenn es um die Beschäftigten geht?

„Wir sind flexibel“, sagt Michael Zins, „sowohl bei der Fertigung, als auch bei der Arbeitszeit.“ Hoerbiger stellt kleine Serien her und keine Massenprodukte. Kleine Serien bedeuten aber auch Vielfalt und verlangen den ArbeiterInnen eine hohe Flexibilität ab. Jeder Kunde hat andere, spezielle Wünsche und Bedürfnisse. Die Smart Factory kann darauf eingehen: „Manche Aufträge sind an einem Vormittag erledigt, am Nachmittag wartet ein neuer Auftrag mit ganz anderen Vorgaben“, beschreibt Zins die Besonderheiten in der Produktion. Das bedeutet, dass die Beschäftigten vielseitig sein müssen und möglichst viele Fertigkeiten mitbringen sollten. Wie managt das Unternehmen diese Herausforderung? „Es gibt eine eigene Qualifikationsmatrix, die alle Fertigkeiten aller Arbeiter auflistet, damit diese rasch und zielgerichtet eingesetzt werden können.“

Die Produkte von Hoerbiger erfordern ein hohes Maß an technischen Fertigkeiten. Dadurch verschiebt sich zwangsläufig auch das Verhältnis zwischen ArbeiterInnen und Angestellten. Von 378 Beschäftigten am Standort Wien sind derzeit 180 ArbeiterInnen. Frauen können nach der Karenz Teilzeit arbeiten. Auch Männer gehen in Karenz, sagt Zins, das ist durchaus möglich, auch in leitender Funktion.

Sichere Zukunft

Die Zukunft des Konzerns, davon ist Michael Zins überzeugt, liegt weiterhin in der Weiterentwicklung der Technologie. „Die Forschung und Entwicklung gehört aber mit der Produktionstechnologie zusammen, neue Erfindungen sollen gleich umgesetzt werden können“, erklärt Zins. Es macht keinen Sinn, Forschung und Produktion an unterschiedliche Standorte zu verlegen, damit würde diese Kette unterbrochen. Produziert wird außerdem immer möglichst in der Region für die Region. Man versucht, soweit möglich in den USA für den amerikanischen Markt zu produzieren, in Asien für den asiatischen und in Europa für den europäischen.

Keine Bedrohung also durch Automatisierung, keine Wirtschaftskrise? „Es ist immer wieder eine Herausforderung neue Märkte und Nischen zu erobern um Marktschwächen auszugleichen und sogar ein gewisses Wachstum zu erreichen“, erklärt Zins. Ein hoher Automatisierungsgrad ist das Mittel erfolgreich zu sein. „Es gibt immer wieder Änderungen in der Organisation auch Verlagerungen von Produktionsteilen, jedoch ist es uns bisher überwiegend gelungen gemeinsam mit der Firma Strategien zum Erhalt der Arbeitsplätze zu erarbeiten“, meint Zins.

Sozialpartnerschaft

Die bewährte österreichische Sozialpartnerschaft immer schon ein enormer Standortvorteil für die Produktion war. Denn sie sorgt nicht nur für sozialen Frieden, sondern trifft auch politische Entscheidungen mit, die für die richtigen Rahmenbedingungen sorgen. „Früher war Industriepolitik vor allem geprägt durch politische Interventionen und direkte oder indirekte Eingriffe in einzelne Branchen. Im Rahmen des EU Wettbewerbsrechts ist das heute so nicht mehr möglich“, erklärt David Mum, Ökonom in der GPA-djp und Leiter der Grundlagenabteilung. Moderne Industriepolitik kann aber sehr wohl gute Rahmenbedingungen schaffen und gewünschte wirtschaftliche Entwicklungen fördern. „Sie wird den Strukturwandel nicht aufhalten, sondern aktiv gestalten“, meint Mum.

Die österreichische Politik muss sich daher zu einer aktiven Industriepolitik bekennen. Strategisch sollte diese in drei Richtungen zielen, fordert Mum: „Der Anteil der Industrie an der Wertschöpfung muss sichergestellt werden. Konzernzentralen und wichtige Unternehmensfunktionen sollen in Österreich bleiben. Der Strukturwandel soll hin zu höherwertigen Produktionen und Dienstleistungen gehen, daher muss der Schwerpunkt auf Bildung, Innovationskraft und modernste Infrastrukturen gelegt werden.“

Das Unternehmen Hoerbiger will auch weiterhin in Wien bleiben und 2016 in die Seestadt in Wien Aspern übersiedeln. Wien hat sich als Standort bewährt: „Gut ausgebildete Fachkräfte vor der Haustüre zu haben – denn auch die TU Wien wird in Aspern vertreten sein – zählt mehr, als einen vielleicht etwas kostengünstigeren Standort irgendwo weit draußen auf dem Land zu beziehen“, ist Zins überzeugt. Wichtig für das Unternehmen ist es daher auch, dass die Qualität der Technischen Universität und der anderen Wiener Ausbildungsstätten erhalten bleibt.

Hier ist sehr wohl die öffentliche Hand gefragt. Auch was die Investitionen in Transport, Verkehr und Datentransfer (Breitband-Internet) angeht. „Infrastruktur- und Energieversorgungsunternehmen sollen in öffentlichem Eigentum bleiben und mit sicherer Versorgung bei hoher Qualität den Standort sichern. Hier durch Privatisierungen kurzfristig Einnahmen zu lukrieren wäre ein fataler Fehler“, ist Mum überzeugt.

Das duale Berufsausbildungssystem in Österreich zählt weltweit zu den besten, doch die Qualität an den Universitäten hat in den letzten Jahren nachgelassen. Auch die Qualität der Pflichtschulausbildung wird von der Industrie kritisiert. Hier gilt es, rasch Reformen durchzuführen und vor allem raschest die erforderlichen Mittel in die Universitäten zu investieren. Aber selbst wenn sich auf nationaler Ebene die Rahmenbedingungen optimal entwickeln sollten, muss sich auch das gesamtwirtschaftliche Umfeld in Europa ändern, um wieder eine positive Dynamik für die industrielle Produktion zu erzeugen. „Eine Überwindung der wirtschaftlichen Stagnation setzt aber letztendlich eine Abkehr von der einseitigen Sparpolitik der öffentlichen Hand voraus“, bekräftigt Mum.