Gut angekommen

Endlich geschafft – Vater und Sohn sind glücklich und erleichtert, dass sie am Ende ihrer Flucht angekommen sind und gut untergebracht werden. Bild: Nurith Wagner-Strauss

Endlich geschafft – Vater und Sohn sind glücklich und erleichtert, dass sie am Ende ihrer Flucht angekommen sind und gut untergebracht werden. Bild: Nurith Wagner-Strauss

Integration gelingt am besten in Gemeinden, die kleine Wohneinheiten anbieten. Die Hilfsbereitschaft der Bevölkerung ist gewaltig.

Die menschenwürdige Unterbringung von Flüchtlingen ist derzeit ein beherrschendes Thema. Es gibt viele positive Beispiele, wie österreichische Gemeinden Flüchtlinge unkompliziert aufgenommen und sehr gut integriert haben. Es zeigt sich, dass die Hilfsbereitschaft und das Engagement der Bevölkerung dort am höchsten sind, wo die Neuankömmlinge in kleinen Wohneinheiten untergebracht sind. Massenquartiere schüren Ängste bei den Einheimischen.

Dass die Unterbringung und Integration von Flüchtlingen problemlos funktionieren kann, zeigt das Beispiel Ober-Grafendorf im Bezirk St. Pölten. „Wir versuchen auf zwei Ebenen zu helfen, einerseits in der Akutbetreuung durchreisender Flüchtlinge, und andererseits in der längerfristigen Unterbringung von geflüchteten Menschen“, erklärt Bürgermeister Rainer Handlfinger.

Für den akuten Bedarf an Notschlafstellen hat die Gemeinde im Sommer das ehemalige Postgebäude im Ort adaptiert. Hier waren bereits mehrere Male Flüchtlinge in Akutbetreuung untergebracht – das bedeutet in den ersten 24 Stunden, nachdem sie aufgegriffen wurden. Die Notwendigkeit für die rasche Einrichtung der Notschlafstellen ist schnell erklärt. „Wenn bis zu 40 Menschen auf der Autobahn in der Nähe unserer Gemeinde aufgegriffen werden, wie dies im vergangenen Sommer mehrmals vorgekommen ist, dann ist die Polizei verpflichtet, diese Menschen in den ersten Stunden nach dem Aufgriff akut zu betreuen“, so Bürgermeister Handlfinger.

Die Jugend hilft

Da am zuständigen Dienstposten kein Platz für derartig viele Menschen war, hat der Bezirkskommandant im konkreten Fall die Gemeinde Ober-Grafendorf ersucht, auszuhelfen. Die Landjugend hat in ehrenamtlicher Arbeit das ehemalige Postgebäude im Ort instand gesetzt. Dort haben nun bis zu 40 Menschen Platz und werden im Bedarfsfall über eine Feldküche vom Roten Kreuz mit Essen versorgt. Handlfinger betont die reibungslose Zusammenarbeit zwischen Exekutive und Rotem Kreuz. Denn es sei vor allem ein großer logistischer Aufwand, all jene Sachen des täglichen Bedarfes zu organisieren, die von akut aufgenommenen Flüchtlingen benötigt werden. „Babywindeln gehören nicht zur Grundausstattung einer Polizeidienststelle“, illustriert der Bürgermeister.

Ober-Grafendorf stellt am selben Standort auch 15 Plätze für die längerfristige Betreuung Schutzsuchender zur Verfügung. Dabei freut Handlfinger besonders, dass in dieser Frage, wo es darum geht, die elementarsten Bedürfnisse von Schutzsuchenden zu stillen, alle wichtigen Akteure auf Gemeindeebene an einem Strang ziehen: die vier Fraktionen des Gemeinderates, die Blaulichtorganisationen, die Kirche, die Sportvereine und die sozialen Organisationen. Alle haben dabei mitgeholfen, das Quartier so rasch wie möglich zur Verfügung zu stellen.

Auch die Anteilnahme der Bevölkerung ist gewaltig. „Ich habe einen Spendenaufruf via Facebook gemacht. Darin habe ich einerseits um Hilfe und Solidarität gebeten, andererseits um konkrete Sachspenden wie Hygieneartikel und warme Bekleidung für die Schutzsuchenden“, erzählt der Bürgermeister. Die Bereitschaft zur Hilfe war überwältigend – in kürzester Zeit gingen mehr als 140 Anrufe ein. Nun ist das Rote Kreuz mit der Koordination der vielen Sachspenden gefordert.

Handlfinger hat in den vergangenen Monaten viel Menschlichkeit erlebt und nimmt wahr, dass die Bevölkerung einen Teil der Verantwortung zu übernehmen bereit ist. Es haben sich freiwillige Gruppen gebildet, die mit den Flüchtlingen Deutsch lernen wollen, ehrenamtliche HelferInnen sind bei Behördenwegen und Übersetzungen unterstützend tätig. „Durch persönlichen Kontakt wird vieles leichter“, ist der Bürgermeister überzeugt.

Betreut in kleinen Einheiten

Auch in der oberösterreichischen Gemeinde Leonding funktioniert die Integration der Flüchtlinge gut, berichtet Vizebürgermeister und GPA-djp-Regionalgeschäftsführer Andreas Stangl. Im Ort gibt es derzeit mehrere Einrichtungen. In einer leer stehenden Pension hat das Land Oberösterreich längerfristig Plätze für 22 Flüchtlinge angemietet. Die dort lebenden Menschen werden von der Volkshilfe betreut. Und auch die Bevölkerung zieht mit: Private Sprachkurse werden organisiert, Freiwillige bieten ihre Hilfe an.

Für weitere Quartiere in der Stadt gibt es keine leer stehenden Gasthäuser oder Hotels und somit ist man auf private Initiativen angewiesen. Vor kurzem hat ein renommiertes Unternehmen in der Stadt zwölf Werkswohnungen angeboten. Den erfolgreichen Weg der Unterbringung von Flüchtlingen in kleinen Quartieren will Stangl fortsetzen. Massenquartiere lehnt Stangl ab – diese schüren seiner Meinung nach vielfältige Ängste in der Bevölkerung und würden eine menschenwürdige Betreuung und Versorgung der Schutzsuchenden sehr viel schwieriger machen. Für Stangl ist klar, dass die Fremdenfeindlichkeit immer dort steigt, wo man die Fremden nicht kennt. „Doch im persönlichen Kontakt erkennen auch Skeptiker: Es sind alles Menschen.“ Um die Unterbringung der steigenden Zahl an Flüchtlingen auch weiterhin gut bewältigen zu können, fordert Stangl mehr Solidarität in Österreich. So haben von 440 Gemeinden in Oberösterreich fast 400 noch keinen einzigen Asylwerber beherbergt – aus Sicht des Leondinger Vizebürgermeisters kann ein solidarisches Miteinander so nicht funktionieren! „Jede Gemeinde sollte Flüchtlinge aufnehmen, da muss ich wirklich Solidarität mit den Geflüchteten, aber auch mit den Einheimischen einfordern“, bekräftigt Stangl. 

Initiative #aufstehn

Auf die augenfällige Schieflage in der Verteilung der Flüchtlinge macht auch die Initiative #aufstehn aufmerksam. Es gibt in Österreich insgesamt 2.100 Gemeinden. Würde jede davon in einem ersten Schritt zumindest einigen Flüchtlingen Quartier geben, müssten nicht mehr Hunderte Menschen in Massenlagern oder ohne Dach über dem Kopf ausharren. Unter dem Motto „In unserer Gemeinde ist Platz“ kann über die Homepage der Initiative ein Mail an den/die BürgermeisterIn einer Gemeinde geschickt werden, in dem man sich persönlich zur Aufnahme von Flüchtlingen bekennt. So soll den Lokalpolitikern der Rücken gestärkt werden, und sie sollen zur Aufnahme von Flüchtlingen ermutigt werden. www.aufstehn.at