Das spannendste Rennen des Jahres

Bernie Sanders gelingt es, vor allem junge AmerikanerInnen und Randgruppen anzusprechen. (Foto: Charlie Neibergall, picturedesk.com)

Bernie Sanders gelingt es, vor allem junge AmerikanerInnen und Randgruppen anzusprechen. (Foto: Charlie Neibergall, picturedesk.com)

Der Präsidentschaftswahlkampf in den USA 2016 ist bisher ein Wahlkampf der vermeintlichen Außenseiter: Die linke Integrationsfigur Bernie Sanders und der rechte Rabauke Donald Trump haben alle Vorhersagen übertroffen.

Am 8. November 2016 ist es so weit: Zum 58. Mal wird in den USA ein Präsident oder vielleicht erstmals eine Präsidentin gewählt. Aber die Tatsache, dass erstmals eine Kandidatin realistische Chancen auf einen Sieg hat, ist nicht das einzige bemerkenswerte Phänomen dieser Präsidentschaftswahlen. Der US-Präsidentschaftswahlkampf 2016 entwickelt sich, je länger er dauert, desto mehr zu einer seismischen Landkarte unerwarteter Verwerfungen.

Nachdem die größte Aufmerksamkeit darauf gelegt wurde, wie sich die erste chancenreiche Kandidatin im Rennen um die einflussreichste Präsidentschaft der Welt halten wird, wartet der Wahlkampfverlauf gleich mit zwei Überraschungen auf. Aus den Reihen der ohnehin schon unter hohen  Spannungen befindlichen Republikanischen Partei erhebt sich Donald Trump, der Selfmademan, der vor allem eines zu verkaufen weiß, nämlich sich selbst.

Zur selben Zeit droht einer mit allen politischen Wassern gewaschenen und routinierten Hillary Clinton Gefahr vom ganz linken Rand der Demokratischen Partei. Denn der selbst ernannte Anführer einer politischen Revolution – Bernie Sanders – macht kein Geheimnis aus seiner ideologischen Positionierung und bezeichnet sich als Democratic Socialist, was in den USA durchaus als riskante Provokation gelten darf. Tatsächlich ist es mehr als eine Provokation, es ist politisches Programm und damit umso bemerkenswerter.

Was kann es bedeuten, wenn ausgerechnet zwei so unterschiedliche Proponenten wie Trump von rechts und Sanders von links einer mehr oder weniger Mitte-Rechts-Mehrheit wichtige Stimmen im US-Präsidentschaftswahlkampf streitig machen?

Neues linkes Denken aus den USA?

Nachdem sich in Europa unter dem Druck der sogenannten „Flüchtlingskrise“ nationalistische Stimmung produziert und bislang gehaltene Grenzen zwischen linker und rechter Position zunehmend verschwinden scheint sich in den USA das Ende einer post-ideologischen Zeit anzukündigen. Kann es denn sein, dass sozialdemokratische Forderungen wie Verteilungsgerechtigkeit, strikte Bankenregulierung, Vermögenssteuern, Mindestgehältererhöhung bis hin zu kostenfreiem Studium und einem Grundrecht für medizinische Versorgung und vieles mehr ausgerechnet in den USA auf fruchtbaren Boden fallen?

Vielleicht ist es nicht Politik

Die Ereignisse sind vielleicht besser zu verstehen, wenn man sie nicht als ein neues Politikinteresse, sondern vielmehr im Kontext einer instrumentalisierbaren Politikverdrossenheit begreift. Beide, Donald Trump wie auch Bernie Sanders, haben sich in sehr kurzer Zeit von belächelten Außenseitern zu erfolgreichen Kandidaten entwickelt. Während der berühmte Trump auf dem besten Weg ist, seine Führung bei den republikanischen Kandidaten zu behalten, beweist der vor den Wahlen parteifreie und wenig bekannte Bernie Sanders Hillary Clinton, dass in den USA eine Jugend ihr politisches Interesse anhand sozialdemokratischer Werte entwickelt.

Während der Millionär Trump mit Aussagen wie: „Ich werde eine große Mauer bauen … eine große, große Mauer an unserer südlichen Grenze bauen, und ich werde Mexiko für diese Mauer bezahlen lassen“, punktet, fliegen Sanders Stimmen zu für das Versprechen, die Wall Street zu entmachten und ein für alle Mal den Einfluss von Geldgebern die Politik zu beenden. Bedeutet das, dass ein großer Anteil der US-amerikanischen aktiven Wählerschaft gespalten ist zwischen diesen zwei extremen Polen links und rechts der Skala? Alles außerhalb der Mitte des Establishments Was die linke Wählerschaft mit ihrem rechten Pendant verbindet, ist dieselbe Unzufriedenheit mit dem Establishment in Washington und den Gepflogenheiten traditioneller Politiker.

Im Verhältnis zum gängigen politischen Klima in den USA sind die Extrempositionen von Bernie Sanders und Donald Trump vielleicht die zweier ungleicher Vertreter eines Sieges medialer Kommunikationskultur über die Politik. Neue WählerInnen sind nicht als bloße ProtestwählerInnen, sondern als eine heterogene Wählerschaft auf der Suche nach einer politischen Identität jenseits des politischen Establishments zu verstehen. Eine neue Art von Authentizität.

Trump punktet mit seinen rücksichtslosen und radikalen Äußerungen. Die Zurschaustellung seiner Dummheit ist dabei vielen seiner Wählerinnen nur ein weiterer Beweis seiner Ehrlichkeit. Er sagt, was er denkt. Auch auf eigene Kosten und spricht damit die abstiegsgefährdete
Mittelschicht an sowie diejenigen, die bereits abgestiegen sind. Sanders hingegen spricht jene an, die noch nicht zu den Verliererinnen gehören oder nur zu gewinnen haben und erreicht damit ideologisch unverbrauchte Jugend und Randgruppen.

Zusammen stehen sie auf ihre je eigene Weise gegen das Establishment. Sowohl das Vorgehen Trumps als auch das von Bernie Sanders zeigen, dass sie dies erfolgreich, aber nicht über klassische politische Kommunikationskultur erreichen. Während Donald Trump als Lifestyle-Persönlichkeit perfekt die klassische Medien- und Unterhaltungsökonomie bespielt und dafür Applaus und Stimmen mitnimmt, schafft es Bernie Sanders mit „grassroots movements“ und enorm erfolgreichen Kleinspendenaktionen, vornehmlich die junge Wählerschaft, welche sich noch vor kurzem aus bis zu 80 Prozent NichtwählerInnen zusammensetzte, für seine Kampagne zu gewinnen.

Kann Bernie Sanders Präsident
werden?

Nach einem Wahlkampf mit so vielen Überraschungen wird kaum ein Beobachter wagen, eine Voraussage zu machen, so lange ein bestimmtes Ergebnis nicht mathematisch auszuschließen ist. Eine solide Anhängerschaft gepaart mit einer effizienten Kampagnenführung machen Hillary Clinton stark. Die Tatsache, dass Angst langfristig nahezu immer zu einem konservativen Reflex führt, erhöht zusätzlich die Chancen von Hillary Clinton. Eine Sache gilt aber als sicher, Bernie Sanders bleibt finanziell unabhängig und mit genügend Geldressourcen ausgestattet bis zu einem klaren Ausscheiden oder einem Sieg im Rennen. Fingers crossed!