Die Zeit des E-Commerce

Eine der ersten Branchen, die sich auf

Eine der ersten Branchen, die sich auf
den Online-Handel einstellen musste,
war der Buchhandel. Bild: goir – Fotolia.com

Es begann mit den Büchern, inzwischen kann man längst alles im Netz kaufen. Für den Handel bringt das große Herausforderungen.
Einige der konkreten Auswirkungen der sogenannten Digitalisierung, lassen sich naturgemäß im gesamten Bereich E-Commerce ausmachen. Produkte aller Art werden im Internet nicht nur gefunden und verglichen, sondern auch gekauft. Eine der ersten Branchen, die sich auf E-Commerce einstellen musste, war der Buchhandel. Da der klassische Buchhandel als stationärer Einzelhandel vor allem über ein Filialnetz agiert, gilt es hier die Eigenschaften des E-Commerce möglichst mit den Anforderungen eines Filialhandels in Abstimmung zu bringen. Unter dem weiten Begriff der Digitalisierung begegnen uns aktuell viele Themen und erfreuen sich brennender Aktualität. Tatsächlich sind die als „Revolution“ bezeichneten Veränderungen im Kontext der Digitalisierung schon lange Gegenstand gewerkschaftlicher ArbeitnehmerInnenvertretung, wie Erich Brandmayr, Betriebsratsvorsitzender der Thalia Buch & Medien GmbH in Linz zu berichten weiß. Seit über einem Jahrzehnt beschäftigt er sich in seiner Funktion als ArbeitnehmerInnenvertreter mit dem Thema E-Commerce. Anfangs ging es vor allem um die Frage, wie das stationäre Filialnetz und damit Arbeitsplätze der MitarbeiterInnen „gegenüber einem immer dominanter agierenden Internetbuchhändler Amazon gesichert werden können“.

Flexibilisierung der Arbeitszeit und Ängste
Der Wunsch der Geschäftsführung nach flexibleren Arbeitszeiten war schon vor zwölf Jahren eine erste konkrete Herausforderung. „Durch eine Betriebsvereinbarung, die die Interessen der KollegInnen wie z. B. Pausenregelungen und Einvernehmlichkeitsprinzip ebenso im Blick hatte, hat der Betriebsrat damals diesem Wunsch entsprochen.“

Ein weiteres sensibles Thema im Prozess der Anpassung an neue Anforderungen durch das E-Commerce-Modell aus ArbeitnehmervertreterInnensicht, waren zu Beginn vor allem Ängste der BuchhändlerInnen, dass sie sich beim Bewerben der „Thalia-eigenen Internetverkaufsschiene selbst wegrationalisieren würden“, so Brandmayr weiter. Dabei stand vor allem die Absicht im Vordergrund, dass sich zumindest Thalia-Kunden, „wenn sie ihre Bücher auch im Internet suchen, sich zuerst einmal auf thalia.at umschauen“.

Neue Techniken – neue Tätigkeiten
Neue Techniken – und wie in diesem Fall ganz neue Geschäftsmodelle – bringen immer auch neue Anforderungen an Tätigkeitsprofile der jeweiligen Arbeitsplätze mit sich. Tatsächlich wurden im konkreten Fall „Thalia Webauftritt“ Tätigkeitsbereiche weniger verändert, als vielmehr ergänzt. „Von unseren 800 MitarbeiterInnen in Österreich arbeiten gerade einmal zehn Personen an der Entwicklung und Aktualisierung der österreichspezifischen Thalia-Website. Der weitaus überwiegende Teil der KollegInnen arbeitet in den 35 Filialen als Buch- & Medienhändler“, so Brandmayr.

Der Faktor Mensch
Nach dem stärksten positiven Effekt der mit dem E-Commerce zusammenhängenden Veränderungen gefragt, spricht Brandmayr etwas Überraschendes an. Denn gerade die Rezensionen der BuchhändlerInnen, welche auf der Thalia-Webseite aber auch via Thalia-App abrufbar sind, könnten „gar nicht hoch genug eingeschätzt werden“. Diese sind zusammen mit den Alternativvorschlägen auf die Bedürfnisse jedes einzelnen Kunden individuell zugeschnitten und „punktgenauer als die seelenlosen Algorithmen, welche auf Webseiten anderer Anbieter zum Einsatz kommen“. Und vor allem werden Kundinnen „damit wieder auf die stationären Thalia-Läden verwiesen, zum anderen wird gerade damit gezeigt, was die Thalia von einem reinen Internethändler wohltuend unterscheidet“.

Das Diktat permanenter Verfügbarkeit
Bei den vielfältigen Themen, die sich für Vertreter von ArbeitnehmerInneninteressen auftun, sieht Erich Brandmayr durchaus offene Herausforderungen. „Durch die immer stärkere Vernetzung der Bereiche Stationär und E-Commerce, bei der auch die sozialen Medien eine bedeutendere Rolle spielen werden, könnte es (früher als uns lieb ist) zu einer Entgrenzung der Arbeitszeit kommen – und zwar dann, wenn z. B. Kundenanfragen rund um die Uhr und möglichst in Echtzeit befriedigt werden sollen.“ Bei diesen Entwicklungen wird eine Adaptierung der Betriebsvereinbarung also unvermeidbar, so Brandmayr weiter. Seine Aufgabe dabei wird sein, „die Bedürfnisse unserer MitarbeiterInnen sinnvoll zu integrieren und die Frage zu klären, wie wir die Ausgewogenheit zwischen Geben und Nehmen auch in Zukunft nachhaltig sicherstellen“.

Die Zukunft gerecht gestalten
Die Thalia Buch & Medien GmbH ist eines von vielen Unternehmen, die zeigen, dass der Faktor Mensch gerade im Bereich Bewertung und Angebot von Qualität immer noch dominierend ist. Der Haken an der Sache ist, dass der Mensch als Mitarbeiter im Handel sich den neuen zeitlichen Bedingungen ausgesetzt sieht, welche durch die permanente Verfügbarkeit des Internets diktiert werden.

Der Faktor Zeit spielt eine zentrale Rolle, wenn es um veränderte Arbeitswelten unter dem Einfluss des digitalen Handels geht. Die einst beschworene und befürchtete Globalisierung (also die Weltweitwerdung) hat geografischen Charakter. Während der E-Commerce freilich ebenfalls keine geografischen Grenzen kennt, bringt dieser aber vor allem auch den Faktor Zeit neu ins Spiel. Das Interesse von Internet-UserInnen unterscheidet nicht zwischen Tages- und Nachtzeit. Es unterscheidet auch nicht zwischen Werktag und Wochenende. Und diese Zeit-Entgrenzung birgt viele Untiefen. Die gute Nachricht ist, dass gerade der Bereich der Arbeitszeitregelung eine der Kernkompetenzen der gewerkschaftlichen ArbeitnehmerInnenvertretung ist.

Nun gilt es, diese Entwicklungen nachhaltig mitzugestalten, denn Arbeitszeit ist Lebenszeit. Und, wie Erich Brandmayr meint: „Wie auch immer die Veränderungsprozesse aussehen werden, von einem bin ich überzeugt: Jedes Unternehmen ist groß genug für die Bedürfnisse aller, aber zu klein für die Gier Einzelner.“