„Frauenpower im Männerbetrieb“

Patrizia Fally im Gespräch mit der Kompetenz

Patrizia Fally im Gespräch mit der KOMPETENZ. Foto: Willi Denk

Von der Gewerkschaftsschülerin zur „Vertrauensfrau“ und schließlich Betriebsratsvorsitzenden bei Schoeller-Bleckmann Oilfield Technology – Patrizia Fally im KOMPETENZ Porträt.

                

Die Gewerkschaftsarbeit wurde Patrizia Fally sozusagen in die Wiege gelegt: Ihr Vater war viele Jahre Mitglied des Betriebsrats bei den VEW (Vereinigte Edelstahlwerke) in Ternitz. „Seine Erfahrungen, Probleme der KollegInnen und wie der Betriebsrat sie lösen konnte, das war oft Thema bei uns zu Hause.“ Politisch interessiert war die heute 55-Jährige auch schon als Jugendliche, und als sie mit 19 nach eineinhalb Jahren als Angestellte in einer Gärtnerei als Sekretärin der Produktionsleitung zu den VEW wechselte, weil es dort einen besseren Kollektivvertrag gab, war einer ihrer Kollegen im Betriebsrat aktiv. Dann habe eines das andere ergeben, von 1981 bis 1984 absolvierte sie die Gewerkschaftsschule, unmittelbar danach wurde sie „Vertrauensfrau“ im auch bei den Angestellten immer schon von Männern dominierten Betrieb.

Umbruch im Unternehmen

Für das Unternehmen und seine Beschäftigten folgten Jahre des Umbruchs. 1994 wurde aus den verstaatlichten VEW die Schoeller Bleckmann AG und das Unternehmen von Berndorf übernommen.

1997 wurde ein gemeinsamer Betriebsrat von Arbeitern und Angestellten gegründet und Patri-zia Fally Mitglied im Betriebsrat. 2009 wurde Patrizia Fally Betriebsratsvorsitzende bei den Angestellten, wie sie sich schmunzelnd erinnert. Der damalige Geschäftsführer habe nämlich die Meinung vertreten, dass die Angestellten, deutlich in der Minderheit gegenüber den ArbeiterInnen, gar keinen Betriebsrat brauchen, weil sie eben so wenige wären, dass sie sich alles selbst mit der Geschäftsleitung ausmachen könnten. Details, wie es ihr gelungen ist dieses Match zu gewinnen, behält Fally für sich, aber es gelingt ihr nicht, eine gewisse Genugtuung, begleitet von einem sanften Lächeln, zu verhehlen: „Ich bin noch da, er nicht.“

Derzeit gibt es bei Schoeller-Bleckmann Oilfield Technology, wie die offizielle Bezeichnung für den Standort Ternitz mittlerweile lautet, rund 300 Beschäftigte, 60 davon sind Angestellte, rund ein Viertel von ihnen Frauen. „Ja, wir sind ein Männerbetrieb“, erzählt Fally.

Größte Herausforderung in den vergangenen Jahren sei vor allem das ständige Auf und Ab der Beschäftigtenzahlen infolge von Wirtschafts- bzw. Finanzkrise und mangelnden Aufträgen für den Hersteller von Hochpräzisionsteilen für die Öl-Industrie gewesen.

Kündigungen verhindern

Leider seien nicht alle Kündigungen mit Kurzarbeit zu verhindern gewesen – ein Problem von dem Arbeiter gleichermaßen betroffen waren wie Angestellte. Vor diesem Hintergrund sei es noch wichtiger, mit den ArbeiterInnen gemeinsam an einem Strang zu ziehen – was in Ternitz traditionell gut funktioniert. Die 55-Jährige berichtet von einem schon vor mehreren Jahren erreichten großen Erfolg des damals gemeinsamen Betriebsrats für Arbeiter und Angestellte, dem sogenannten „Stundentopf“. Beschäftigte legen einen gewissen Teil ihrer geleisteten Überstunden pro Monat in den Topf und bauen diese dann in weniger arbeitsintensiven Phasen ab – inklusive einer Aufwertung durch die Firma. Diesen vergleichsweise großen Erfolg wüssten die Kolleginnen und Kollegen schon zu schätzen, glaubt Fally. Jede/r Betroffene honoriere natürlich auch das Engagement des Betriebsrats, wenn es um Gegenstrategien für Kündigungen gehe.

Aber auch kleinere Angebote des Betriebsrats seien beliebt, berichtet Fally vom Blog des Angestellten-Betriebsrats, für den es viel positives Feedback gebe. Ein großes Anliegen sei ihr persönlich die Gesundheitsförderung, die sie als Projektleiterin begleiten durfte. Und ein Relikt aus den alten Zeiten der VEW erfreue sich nach Jahren wieder zunehmender Beliebtheit: Alle sieben Jahre finanziert der Betriebsrat seinen Angestellten 14 Tage Erholung in einem Hotel in der Nähe des Wörthersees. „Es hat sich einige Zeit niemand gemeldet, jetzt haben wir jeden Sommer zwei, drei Anmeldungen“, erzählt Fally. AlleinverdienerInnen bekommen einen Zuschuss für PartnerIn und Kinder, die mitfahren.

Vielbeschäftigt

Die sportliche Mittfünfzigerin lebt mit ihrem Partner und mit drei Katzen unter einem Dach, ihre Freizeit verbringt sie am liebsten mit laufen, Radfahren, schwimmen und lesen. Allzu viele Mußestunden gibt es derzeit eher nicht: Patrizia Fally, die seit Jahren als Gemeinderätin in Neunkirchen aktiv ist, ist nebenbei auch noch als Wettkampfrichterin im Triathlon tätig.

Zeitmangel ist aber nicht der Grund dafür, dass sie Anfang Mai mit dem stellvertretenden Vorsitzenden des Angestelltenbetriebsrats sozusagen getauscht hat: „Wir haben im März 2017 die nächste Betriebsratswahl. Ich möchte das Team noch möglichst lange unterstützen und mitmachen, aber meine Lebensplanung sieht ab dem nächsten Jahr auch Altersteilzeit vor.“ Dieser Rückzug in die zweite Reihe falle ihr deswegen nicht so schwer, weil sie ja als Mitglied im Team noch in alle Entscheidungen eingebunden sei und den Vorsitz bei ihrem Nachfolger in guten Händen wisse.

Gesunde Arbeitsbedingungen

Dann erzählt Patrizia Fally noch einmal von ihrem Vater, der zwar vor Jahren von der sogenannten Stahlstiftung profitieren habe können, die es ihm ermöglicht hatte, mit 52 in Pension gehen zu können. Lange habe er den Ruhestand nach seinem arbeitsreichen Leben aber nicht genießen können, bedauert sie, er starb mit 58 Jahren an einer schweren Krankheit. „Sicher auch einer der Gründe dafür, dass es mir so wichtig ist, gesund in Pension gehen zu können. Nicht für mich, sondern für alle“, so die Betriebsrätin nach kurzem Nachdenken: „Gesunde Arbeitsbedingungen, die auch psychisch nicht belasten, und damit meine ich natürlich auch die Sicherheit, seinen Arbeitsplatz nicht zu verlieren, sind das Wichtigste. Da haben wir als Betriebsrat auch bei Schoeller-Bleckmann Oilfield Technology genug zu tun.“