Am PC sitzen ist mir zu wenig

Nerijus Soukup im Gespräch mit der KOMPETENZ. Foto: Nurith Wagner-Strauss

Nerijus Soukup im Gespräch mit der KOMPETENZ. Foto: Nurith Wagner-Strauss

Nerijus Soukup, der Betriebsratsvorsitzende des privaten Bildungsdienstleisters Mentor, spricht über Verantwortung, Erfolge und das Sitzen zwischen zwei Sesseln.

Nerijus Soukup ist ein dynamischer Typ. Selbst im morgendlichen KOMPETENZ-Interview versprüht der sympathische Familienvater Zuversicht und Energie. Geboren wurde er in Litauen, der Vater ist Wiener, die Mutter kommt aus dem baltischen Staat. Mit fünf Jahren übersiedelt die Familie nach Wien. Der Sohn schlägt zunächst einen technisch orientierten Lebensweg ein: Nach dem Abschluss der HTL arbeitet Soukup viele Jahre lang in technischen Jobs. Als er technische Schulungen in der Firma halten muss, wird ihm plötzlich bewusst: „Ich red gern und ich tu gern. Einfach nur am PC sitzen ist mir zu wenig.“ Also sucht er mit Anfang dreißig eine neue berufliche Herausforderung und gelangt ins Metier der Bildungsberater.

Soukup landet beim privaten Bildungsdienstleister Mentor und wird bald gefragt, ob er als Betriebsrat mitarbeiten will. Mittler-weile ist er Betriebsratsvorsitzender und vertritt österreichweit rund 280 Menschen, die – in manchen Zeiten – in bis zu 30 Niederlassungen der oberösterreichischen Firma arbeiten. Die meisten davon sind im Auftrag des AMS in folgenden Bereichen beschäftigt: Frauen in der Technik, EDV- oder Deutsch-Kurse, Aqua-Arbeitsstiftung und Jobcoaching-Projekte. Insgesamt gibt es weitere sechs aktive BetriebsrätInnen in den Regionen Süd, Mitte und Ost, die auch die Vorortbetreuung der Beschäftigten übernehmen.

Erste Erfolge
Wie viel man mit Interessenvertretung erreichen kann, wird Soukup bald bewusst. 2010 gab es, auch auf sein Bemühen hin, die erste Anstellungswelle bei Mentor, die BeraterInnen waren nicht mehr selbstständig tätig, sondern wurden in ein reguläres Angestelltenverhältnis übernommen – allerdings immer nur für die jeweilige Projektdauer. Die bestehenden Werk- und Dienstverträge in normale Angestelltenverhältnisse umzuwandeln, war ein großer Erfolg – für Soukup aber erst der Anfang des Weges in die richtige Richtung.

Vorbereitungszeiten zu wenig abgegolten
Aktuell geht es in der Branche um eine bessere Abgeltung von Vor- und Nachbereitungszeiten. „Um gute Leistungen während der Kurszeiten bringen zu können, müssen sich die MitarbeiterInnen – wie in vielen anderen vortragenden Berufen auch – entsprechend vorbereiten.“ Derzeit werden lediglich die reinen Unterrichtszeiten mit einem viel zu geringen Anteil an Vor- und Nachbearbeitung bezahlt. Soukup setzt sich für die Abgeltung der zusätzlichen Zeiten im Kollektivvertrag ein. Er tut dies auch in seiner Funktion als Verhandler des Kollektivvertrags für die privaten Bildungseinrichtungen (BABE-KV). Nun baut er sein Netz-werk als Betriebsrat weiter aus und versucht, „gemeinsam mit der GPA-djp, etwas für das Kollektiv zu erreichen“.

Das Aufregende an der Arbeit als Betriebsrat ist für Soukup, dass jeder Tag etwas Unvorhergesehenes bringt. Schwierig ist es für ihn, die vielfältigen Interessen und Wünsche zu 100 Prozent zufriedenzustellen, denn „das ist nicht immer möglich. Irgendwie sitzt man immer zwischen zwei Sesseln“, erzählt er augenzwinkernd. „Die Kunst ist es, einen tragfähigen Kompromiss zu finden, der fair ist und mit dem alle gut leben können.“ Auch Flexibilität ist gefragt, denn die Rahmenbedingungen der Beschäftigung ändern sich manchmal rasant: „Gibt es ein neues Projekt, müssen vor Ort rasch Räumlichkeiten angemietet und Personal gefunden werden. Manchmal ergibt sich daraus sogar eine Niederlassung.“

Verbesserungen im Betrieb erreichen

Das Hauptziel seiner betriebsrätlichen Tätigkeit bei Mentor bleibt für Soukup, Verbesserungen für seine BelegschaftskollegInnen zu erreichen. „Da haben wir schon viel geschafft, mittlerweile gibt es beispielsweise einen Sozialfonds für persönliche Notsituationen von KollegInnen.“ Auch Betriebsvereinbarungen zum Abbau verpönten Verhaltens wie Mobbing, Diskriminierung oder sexueller Belästigung wurden mit der Unternehmensleitung ausgehandelt. Seine Gesprächsbasis zur Geschäftsführung bezeichnet Soukup als „respektvollen Umgang miteinander“. Klar gibt es auch viele Streitgespräche, aber „Verhandlungsprozesse brauchen eben Zeit“. Bei heiklen Themen ist es ihm wichtig, den Standpunkt der Geschäftsführung zu verstehen, aber auch immer zu hinterfragen.
Das Thema Arbeitszeit beschäftigt Soukup ebenfalls sehr intensiv, vertritt er doch mehrheitlich Beschäftigte, denen nur eine Teilzeitbeschäftigung angeboten wurde, obwohl sie gerne eine Vollzeitbeschäftigung hätten. In der gesamten Branche sind durchgängige Anstellungen mittlerweile Mangelware. „Hört ein Projekt auf, stehen die ArbeitnehmerInnen oft vor dem innerlichen Nichts“, illustriert Soukup. Er schätzt, dass 10 bis 15 Prozent der Beschäftigten übers Jahr verteilt unfreiwillige „Pausenzeiten“ in Kauf nehmen müssen. Die Kernforderung für die Kollektivvertragsverhandlungen im März nächsten Jahres lautet daher: die 35-Stunden-Woche bei vollem Gehalt und eine Aufteilung der Stunden in 30 Stunden Kurszeit und fünf Stunden Vorbereitungszeit. Als Verhandlungsgrundlage könnte eine Studie darüber dienen, wie sich das auf ArbeitgeberInnen und ArbeitnehmerInnen auswirken würde. Firmenintern wurde bereits erhoben, wie viel Zeit die Vortragenden derzeit in Vor- und Nachbearbeitung investieren: Das ist bis zu 15 Prozent mehr Zeit als eigentlich vorgesehen.

Bildung ist wichtig
Bildungszeit ist für Soukup eine enorm wichtige Zeit. Bereits zu Beginn seiner Tätigkeit als Betriebsrat hat er alle Basisschulungen absolviert. Derzeit ist er für zehn Monate freigestellt, um die Sozialakademie absolvieren zu können. Er weiß, dass Weiterbildungen entscheidende Vorteile in der Beratung seiner KollegInnen bringen können. Das Lernen fällt ihm nicht schwer, denn „wenn man die nötige Begeisterung mitbringt, dann ist es nicht mühsam, sondern man saugt die Inhalte auf.“