Lehrstelle gefunden

Sebastian Idinger, 18, absolviert eine Lehre zum Industriekaufmann bei SIEMENS. Foto: Nurith Wagner-Strauss

Sebastian Idinger, 18, absolviert eine Lehre
zum Industriekaufmann bei SIEMENS. Foto: Nurith Wagner-Strauss

Meist gibt es mehr BewerberInnen als Plätze und oft stimmt die Ausbildungsqualität nicht: Die GPA-djp nimmt hier die Wirtschaft in die Pflicht.

Später Nachmittag an einem nebelverhangenen Tag im Oktober. Sebastian Idinger verlässt seinen Arbeitsplatz am Siemens-Standort in Wien-Floridsdorf. Trotz des tristen Herbstwetters strahlt er beschwingte Zufriedenheit aus. Der 18-jährige absolviert derzeit sein zweites Lehrjahr – seit 14 Tagen arbeitet er dabei im Vertrieb. „Heute habe ich Kunden überprüft. Man sieht sich das Kreditlimit an, schaut, ob es ein Zahlungsrisiko gibt, inwieweit man mit diesem Kunden schon Geschäfte vereinbart hat, und wie lange man bereits mit ihm zusammenarbeitet. Und dann nimmt man eine entsprechende Einstufung vor.“

Idinger absolviert eine Lehre zum Industriekaufmann. Die Wahl auf diesen Beruf ist sehr bewusst gefallen. Der AHS-Abbrecher hat zuvor einige Praktika in verschiedenen Büros absolviert. „Da habe ich gesehen, dass mir diese Arbeit Spaß macht.“ Auch für die Sparte Industrie hat er sich gezielt entschieden. „Ich wollte wissen, wie ein großer Industriebetrieb funktioniert.“ Nun weiß er: komplexer, als er gedacht hatte. „Die Arbeit ist wesentlich vielfältiger und abwechslungsreicher, als ich sie mir erwartet hatte. Da war ich wirklich positiv überrascht.“

Nicht alle Lehrlinge haben das Glück, genau die Lehrstelle zu bekommen, die zu ihnen passt. 1980 gab es österreichweit noch an die 200.000 Lehrstellen – heute sind es nur noch rund 100.000 plus 10.000 Plätze im Rahmen der überbetrieblichen Ausbildung. Von den Mitgliedsbetrieben der Wirtschaftskammer bilden heute lediglich etwas über 36.600 – das ist jedes fünfte Unternehmen – Lehrlinge aus.

Wie der Lehrlingsmonitor der Österreichischen Gewerkschaftsjugend für das Jahr 2015 zeigt, ist es für viele Jugendliche daher nicht einfach, überhaupt eine Lehrstelle zu finden, geschweige denn einen Lehrberuf, der den persönlichen Interessen und Neigungen entspricht. Rund 7.000 Jugendliche würden derzeit gerne eine Lehre absolvieren, finden aber keinen Ausbildungsplatz. Um überhaupt eine Lehrstelle zu ergattern, braucht es daher viel Engagement und Durchsetzungskraft – aber auch Geduld.

Schwierige Suche nach einer Lehrstelle

Marcel Klaric, 16, absolviert derzeit eine Ausbildung zum Büro- und Bankkaufmann bei der Bank Austria. Foto: Nurith Wagner-Strauss

Marcel Klaric, 16, absolviert derzeit eine Ausbildung zum Büro- und Bankkaufmann bei der Bank Austria. Foto: Nurith Wagner-Strauss

Marcel Klaric kann davon ein Lied singen. Der 16-jährige, der derzeit eine Ausbildung zum Büro- und Bankkaufmann bei der Bank Austria absolviert, hat fast 100 Bewerbungen losgeschickt, nachdem er sich vor etwa zwei Jahren entschlossen hatte, die AHS nach der fünften Klasse zu verlassen und eine Lehre zu absolvieren. Von einer Handvoll potenzieller Arbeitgeber wurde er zu einem Gespräch eingeladen, drei haben ihm eine Absage geschickt. Der Rest ließ nichts von sich hören. „Das finde ich schade, dass sich viele nicht einmal die Mühe machen, einem zu antworten.“

Das Aufnahmeverfahren bei der Bank Austria beschreibt er im Rückblick als „hart und sehr aufwendig“. Zunächst musste er einen Computertest absolvieren, dann folgte ein Gruppengespräch mit insgesamt acht Bewerbern und Bewerberinnen, schließlich ein eintägiges Assessment Center, bei dem die Jugendlichen zum Beispiel zeigen mussten, ob sie mit KundInnen sprechen können. Nach jeder Runde das Zittern: Kommt eine Absage oder bin ich weiter? Klaric hat es am Ende geschafft.
Von Vorteil war auch, dass er perfekt Kroatisch spricht, ist er überzeugt. „Das war sicher ein Plus. Es gibt viele ältere Kunden, die nicht hier geboren sind, und die sich wohler fühlen, wenn sie in ihrer Muttersprache sprechen können.“ Vor allem aber geht es bei einer Bewerbung darum, „alles zu geben“.

Wie auch Idinger ist Klaric überzeugt, den für ihn richtigen Lehrberuf gewählt zu haben. Er ist derzeit in einer Filiale in Wien-Liesing eingesetzt. In seinem schicken Anzug sieht der 16-jährige nicht nur stylish, sondern auch etwas älter aus als er tatsächlich ist. Das Gespräch mit KundInnen macht ihm sichtlich Freude. Ein älteres Ehepaar bittet um Hilfe bei einem der Automaten im Foyer der Bankfiliale. „Immer noch holen sich viele Pensionisten ihr Geld am Monatsanfang am Schalter ab. Wir sind nun dabei, den Leuten zu zeigen, wie man mit der Karte selbst Geld abheben kann.“ Es ist ganz offensichtlich nicht die erste Begegnung des Paares mit dem Lehrling, der derzeit sein zweites Ausbildungsjahr absolviert. „So ein netter junger Mann“, sagt die ältere Dame, „immer hilfsbereit“.

Klaric weiß, dass er vollen Einsatz zeigen muss. Sorge, die Lehrabschlussprüfung am Ende seiner Ausbildung nicht zu bestehen, hat er nicht. „Es ist wichtig, selbstständig zu sein. Das lernen wir auch. Und wenn ich weiß, was ich tue, glaube ich nicht, dass es da Probleme geben wird.“

Mangelnde Ausbildungsqualität

Barbara Kasper, Bundesjugendsekretärin der GPA-djp betont, dass es nicht allen Lehrlingen so ergeht. „Oft stimmt die Qualität der Ausbildung einfach nicht.“ In manchen Betrieben bekämen die Auszubildenden nicht alles vermittelt, was das Berufsbild umfasst. Das mache sich dann bei der Lehrabschlussprüfung bemerkbar. Natürlich gebe es auch jene Jugendlichen, die mit Prüfungsangst kämpfen. Das erkläre aber nicht, warum jede/r Fünfte die Prüfung am Ende nicht positiv ablege.

Die Gewerkschaft hat daher einen Forderungskatalog entwickelt, mit dessen Umsetzung die Ausbildungsqualität massiv gesteigert werden könnte. Derzeit werde ein Betrieb als Ausbildungsbetrieb zugelassen – und nie mehr wieder überprüft. „An Schulen und Universitäten gibt es Standards, die einzuhalten sind. Warum ist das bei Lehrbetrieben nicht auch so?“, fragt sich Kasper. Ansetzen müsste man ihrer Meinung nach auch bei der Schulung der AusbildnerInnen. Vorgeschrieben ist derzeit ein Kurs im Ausmaß von 40 Wochenstunden. Und ist die AusbildnerInnenprüfung einmal abgelegt, ist keine kontinuierliche Weiterbildung mehr nötig, um Lehrlinge zu betreuen. Geht es nach der GPA-djp-Jugend, sollten LehrlingsausbildnerInnen daher künftig an einer pädagogischen Hochschule ausgebildet werden.
Wie 44 Prozent der für den Lehrlingsmonitor 2015 rund 6.500 befragten Lehrlinge im letzten Lehrjahr angaben, sehen sie den für sie verantwortlichen Ausbildner zudem nie oder selten im Betrieb. Und nicht einmal die Hälfte (46 Prozent) wird von ihrem Lehrbetrieb bei der Vorbereitung zur Lehrabschlussprüfung unterstützt. Anders ist das beim Speditionsunternehmen DB Schenker. Hier können Lehrlinge bei Fragen auch zum Berufsschulstoff MitarbeiterInnen im Betrieb um Hilfe bitten. DB Schenker startete im Vorjahr zudem die „young.stars academy“. Dabei absolvieren die österreichweit rund 120 Lehrlinge in
Schladming Workshops zu Themen wie Konfliktbewältigung, Kundenkontakt oder Telefonverkauf.

Ausbildung zur Speditionskauffrau

Katharina Damnjanovic, 20, wird derzeit bei DB Schenker zur Speditionskauffrau ausgebildet. Foto: Nurith Wagner-Strauss

Katharina Damnjanovic, 20, wird derzeit bei DB Schenker zur Speditionskauffrau ausgebildet. Foto: Nurith Wagner-Strauss

Katarina Damnjanovic wird derzeit bei DB Schenker zur Speditionskauffrau ausgebildet. Die 20-jährige verfügt bereits über einen Handelsschulabschluss, hatte aber das Gefühl, „dass da noch etwas fehlt“. Von ihrem Vater, einem ehemaligen Lkw-Fahrer, hatte sie ein bisschen Einblick in die Branche. „Und es hat mich immer schon interessiert, wie etwas, das man im Internet bestellt, zu einem kommt.“ Heute weiß sie, „dass da mehr Arbeit dahintersteckt, als das Paket einfach nur in einen Lkw zu stecken“.

Unterbringung im Internat

Der Berufsschulbesuch erfolgt geblockt in neun Wochen. „Man konzentriert sich mehr aufs Lernen, weil man dort im Internat ist“, meint Damnjanovic. Der Unterricht geht täglich von acht bis 18 Uhr, freitags bis 15 Uhr. DB Schenker übernimmt für alle seine Lehrlinge die Kosten für das Internat. Lehrlinge in anderen Unternehmen müssen oft selbst für die Unterbringung aufkommen. 65 Prozent der Lehrlinge wohnen während ihrer Berufsschulzeit im Internat, schätzt die GPA-djp. Das sind rund 71.000 Jugendliche. Nur rund die Hälfte von ihnen bekommt die Internatskosten von ihrem Ausbildungsbetrieb vollständig ersetzt, weitere zehn Prozent erhalten einen Zuschuss.

Kosten von 600 bis 900 Euro

Für die neun Wochen Berufsschulzeit fallen laut Kasper je nach Standort zwischen 600 und 900 Euro an. Zum Vergleich: Ein Lehrling im Handel erhält im ersten Lehrjahr 526 Euro Lehrlingsentschädigung pro Monat, in der IT-Branche sind es 514 Euro, im Hotel- und Gastgewerbe 645 Euro. Mit der Kampagne „Zimmer statt Zelt“ macht die GPA-djp-Jugend nun auf diesen Missstand aufmerksam. Sie hat errechnet, dass Lehrlinge jährlich bundesweit ingesamt 27 Millionen Euro für ihre Unterbringung in einem Internat ausgeben.

Kasper fordert, dass alle Ausbildungsbetriebe die Unterbringungs- und auch die Fahrtkosten übernehmen, und dass dies auch in allen Kollektivverträgen festgeschrieben wird. Das ist jetzt bereits zum Beispiel im Kollektivvertrag für Angestellte der Bekleidungsindustrie, der chemischen Industrie oder im Metallgewerbe der Fall. Was sich Kasper noch wünscht? Dass wieder mehr Betriebe Lehrlinge ausbilden. „Wir brauchen Fachkräfte, jammert die Wirtschaft regelmäßig. Dann sind Unternehmer aber auch in der Verantwortung, auszubilden.“ Und: Ist ein Jugendlicher einmal ausgelernt, sollte er/sie nicht zittern müssen, ob er/sie nach Ablaufen der Behaltefrist weiter für das Unternehmen arbeiten darf oder nicht. „Es müsste den Ausbildungsbetrieben eigentlich ein Anliegen sein, ihre Lehrlinge zu halten.“

Anstellung nach dem Lehrabschluss

Amanda-Lee Boldrino, 18, hat bei der Mediaprint den Beruf der Bürokauffrau erlernt. Foto: Nurith Wagner-Strauss

Amanda-Lee Boldrino, 18, hat bei der Mediaprint den Beruf der Bürokauffrau erlernt. Foto: Nurith Wagner-Strauss

Amanda-Lee Boldrino ist seit einigen Monaten ausgelernte Bürokauffrau. Erlernt hat sie diesen Beruf bei der Mediaprint – und dort arbeitet sie auch weiterhin. „Hier versucht man, jeden Lehrling auch nach der Lehrabschlussprüfung anzustellen. Nicht immer funktioniert das – es muss ja auch eine Planstelle da sein“, sagt sie. Boldrino hatte Glück: Sie arbeitet nun in der Logistik. „Diese Abteilung ist für den Transport der Zeitungen zuständig. Und ich kümmere mich um die Sondertransporte, also wenn Zeitungen bei Messen oder Marketingveranstaltungen gebraucht werden.“

Dass sie einmal im Büro arbeiten wolle, war der heute 18-jährigen schon als kleines Kind klar. Da habe sie ihre Mutter und ihren Vater – beide in Büros tätig – an ihren Arbeitsplätzen besucht, „und da habe ich gewusst: Ich gehöre ins Büro“. Als sie die fünfte Klasse AHS besuchte, sah sie sich daher nach einer Lehrstelle um. Auch für sie hieß das: an die 50 Bewerbungen zu schreiben und wenig Feedback zu bekommen. „Eine Absage trudelte erst ein, als ich bereits ein Jahr bei der Mediaprint beschäftigt war.“ Die Matura will sie dennoch ablegen – in Form der Lehre mit Matura. Wenn alles nach Plan geht, hat sie die 2018 in der Tasche. „Deutsch habe ich schon abgeschlossen, derzeit mache ich Englisch und BWL.“

Boldrino ist heute eine selbstsichere junge Frau. Wenn sie sich an den Beginn ihrer Lehrzeit bei der Mediaprint erinnert, war das nicht immer so. „Am Anfang war ich noch total schüchtern und zurückhaltend.“ Inzwischen sei sie es gewohnt, zu telefonieren, an Besprechungen teilzunehmen, sogar Sitzungen abzuhalten. Man wachse im praktischen Alltag. Ob ihr bei der Suche nach einem Lehrplatz geholfen hat, dass sie – wie auch Idinger und Klaric – aus der AHS kam? „Die AHS hat sicher einen besseren Ruf. Auf der anderen Seite hat man noch nie etwas von Rechnungswesen gehört, wenn man aus einem Gymnasium kommt. Sogar im Poly hat man Rechnungswesen.“ Dass AHS-Abbrecher bessere Chancen auf einen Lehrplatz haben als Absolventen einer Neuen Mittelschule, sieht auch Klaric nicht so: Ja, er komme aus einem Gymnasium, viele seiner Lehrlingskollegen seien aber in einer Neuen Mittelschule gewesen. Besonders imponieren ihm geflüchtete Jugendliche, die erst vor einem Jahr nach Österreich gekommen sind, inzwischen Deutsch gelernt hätten und sich nun um einen Ausbildungsplatz in einer Bank bewerben. „Man muss etwas nur wirklich wollen“, ist er überzeugt. Für seine Zukunft hat er große Pläne – die er aber nicht verraten will. Sicher ist aber: Er wolle sich hocharbeiten. Das hätten schon seine Eltern getan, die nicht hier geboren seien. „In Österreich sind die Chancen da, dass man sich hocharbeitet – anders als in anderen Ländern. Und ich werde diese Chance nützen.“