Mit Stricknadeln gegen die soziale Kälte

BetriebsrätInnen und Beschäftigte aus dem Sozialbereich demonstrierten am 26. September mit 6427 m Schal für mehr soziale Wärme, bessere Arbeitsbedingungen und höhere Einkommen. Foto: Willi Denk

BetriebsrätInnen und Beschäftigte aus dem Sozialbereich demonstrierten am 26. September mit 6427 m Schal für mehr soziale Wärme, bessere Arbeitsbedingungen und höhere Einkommen. Foto: Willi Denk

Mit einem über sechs Kilometer langen Schal demonstrierten Beschäftigte aus dem Sozialbereich für bessere Arbeitsbedingungen.

Die Aktion „Stricken für soziale Wärme“ wurde vor zwei Jahren von BetriebsrätInnen aus Oberösterreich ins Leben gerufen. Gemeinsam wurde inzwischen der längste Schal Österreichs handgefertigt – symbolisch für soziale Wärme, von der es immer weniger gibt. Denn seit Jahren werden die Sozialbudgets  gekürzt. Auf Dauer wirkt sich das auf die Beschäftigten und KlientInnen in den Gesundheits-, Pflege- und Sozialberufen aus. Am 26. September wurde der über 6.427 Meter lange Schal in Wien präsentiert. Unterstützt von den Gewerkschaften GPA-djp und vida wurde das wärmende Wollwerk von rund 600 Menschen durch die Wiener Innenstadt getragen und vor dem Finanzministerium zur Schau gestellt. Ein buntes Alarmsignal für bessere Arbeitsbedingungen und höhere Einkommen im privaten Gesundheits- und Sozialbereich.

Frustration bei BetreuerInnen und KlientInnen
Betriebsratsvorsitzende Martha Fleschurz vertritt 1.840 Beschäftigte bei der Volkshilfe Oberösterreich. Das Arbeitsgebiet erstreckt sich von der Altenpflege bis zur Betreuung von Behinderten, Jugendlichen, Arbeitslosen und Flüchtlingen. „Die Lage hat sich in den vergangenen Jahren allgemein verschlechtert“, weiß Fleschurz und kann das etwa anhand sozialökonomischer Betriebe aufzeigen. Dort sollen Langzeitarbeitslose wieder an die Arbeitswelt herangeführt und in Folge an Firmen vermittelt werden.

Die sogenannten Transitarbeitskräfte haben die Möglichkeit, in unterschiedlichen Bereichen zu arbeiten: sei es Buchhaltung, Gastronomie, Verkauf oder ein metallverarbeitender Beruf. Menschen, die länger keinen Beruf mehr ausgeübt haben, brauchen Unterstützung und sollen mit Bedacht begleitet werden. Das Eingewöhnen in den Arbeitsrhythmus und der Aufbau von Selbstbewusstsein sind essenziell, um später einen Job zu finden. Doch das Arbeitsmarktservice (AMS) kürzt die Mittel dafür. War es bis vor einiger Zeit üblich, dass die Transitarbeitskräfte ein Jahr im sozialökonomischen Betrieb beschäftigt werden, liegt die Verweildauer derzeit nur bei drei bis vier Monaten. Äußerst selten wird jemand für sechs Monate bewilligt. „Das muss jetzt alles im Schnelldurchgang gehen“, erklärt Fleschurz.

Es bleibt kaum Zeit, um an fachlichen Schwächen zu arbeiten oder Bewerbungsgespräche zu trainieren. Dabei haben langzeitarbeitslose Menschen durchaus berechtigte Erwartungen. Ihre Enttäuschung bringt auch die BetreuerInnen unter Druck. Die Betriebsratsvorsitzende: „Viele sind frustriert, weil sie ihre Arbeit nicht zur eigenen Zufriedenheit erledigen können.“ Immer schwieriger wird es, die vorgegebenen Vermittlungsquoten zu erreichen. „Es wäre sinnvoll, 12 Monate mit den KlientInnen zu arbeiten. Damit gäbe es ausreichend Zeit, sie in den Arbeitsmarkt zu integrieren.“

Österreichweit gibt es über 200.000 Beschäftigte im privaten Gesundheits- und Sozialbereich. Zumeist sind sie über Organisationen wie Caritas, Diakonie, Volkshilfe, Hilfswerk, Österreichisches Rotes Kreuz oder die Lebenshilfe angestellt. Diese Träger werden meistens von den Bundesländern beauftragt, die seit Jahren ihre Sozialbudgets kürzen. Mit besorgniserregenden Folgen, denn auch die Einkommen der BetreuerInnen liegen unter dem Durchschnitt. Das liegt nicht zuletzt daran, dass 70 Prozent der im Sozialbereich Beschäftigten Teilzeit arbeiten. Die in den Dienstverhältnissen vereinbarten Stundenausmaße werden durch zu knappe Finanzierungsmodelle ständig reduziert. Resultierende Mini-Einkommen bedrohen die Existenz. „Andererseits werden die Vorgaben an die Beschäftigten immer anspruchsvoller“, weiß Eva Scherz von der GPA-djp. Jedes Bundesland setzt eigene Standards, so gibt es etwa in Oberösterreich in der  Altenpflege einen anderen Pflegeschlüssel als in Kärnten.

Menschsein nach Norm

Sogenannte Normkostenmodelle rechnen Pflegeleistungen nach Zeiteinheiten ab. Die Pflege der KlientInnen darf dabei eine bestimmte Normzeit nicht überschreiten. Silvia Weber-Tauss, Zentralbetriebsratsvorsitzende (ZBR) beim Kuratorium Wiener Pensionisten-Wohnhäuser, spricht von erhöhter Arbeitsverdichtung. „Die Ansprüche werden immer höher. Einerseits intensiviert sich die Arbeit durch die Vorgaben, andererseits wird der Beruf schwieriger, weil die Zahl der Demenzfälle steigt.“ Je älter die Menschen sind, desto höher ist die Zahl der physischen und psychischen Beschwerden, und desto intensiver muss auch die Betreuung sein.

Geht es nach den Vorgaben gewisser Arbeitgeber soll auch der Arbeitstag in der Altenbetreuung wie in einem Industriejob getaktet sein. Für menschliche, soziale Zugänge bleibt dabei keine Zeit. ArbeitnehmerInnen und KlientInnen werden zu einem Kostenfaktor degradiert. „Wir betreuen viele ältere Menschen über Jahre. Da lernt man sich auch besser kennen“, weiß Weber-Tauss. Dieses Vertrauensverhältnis lässt sich nicht in vorgefertigte Schablonen pressen. Besonders gilt das in der mobilen Pflege: „An manchen Tagen sind die PflegerInnen der einzige Kontakt zur Außenwelt“, sagt Weber-Tauss. Liegt der KlientIn etwas am Herzen, wird nicht einfach nur der Körper gepflegt und gewaschen, der Blutdruck gemessen oder ein Verband gewechselt.

Das Personal ist auch dementsprechend unter Druck. Dienstpläne werden selten eingehalten, immer häufiger muss jemand einspringen. Die Beschäftigten nehmen nicht länger als zwei Wochen Urlaub am Stück. Ständige Rufbereitschaft sorgt bei den Teilzeitjob-MitarbeiterInnen für Burn-out-Gefahr – auch das verursacht längere Krankenstände. Schlicht: Es fehlt an Personal und Stellen werden nicht nachbesetzt.

Mehrwert sozialer Wärme

Soziale Arbeit hat einen hohen Wert. Frauen und Männer stehen dafür 365 Tage und Nächte im Jahr zur Verfügung. Wird hier gespart, zahlen die Menschen einen hohen Preis. Denn PflegerInnen, die selbst ausgebrannt sind, können kaum noch Wärme spenden. Einheitliche Regelungen für ganz Österreich, höhere Sozialbudgets und bessere Arbeitsbedingungen sind daher dringend notwendig. 