Ein Ohr für alle Kleinigkeiten

Für Martin Müllauer, den Betriebsratsvorsitzenden der Morawa Buch und Medien Gesellschaft ist gute Beratung im Buchhandel der Schlüssel zum Erfolg. Foto: Nurith Wagner-Strauss

Für Martin Müllauer, den Betriebsratsvorsitzenden der Morawa Buch und Medien Gesellschaft ist gute Beratung im Buchhandel der Schlüssel zum Erfolg. Foto: Nurith Wagner-Strauss

Für Martin Müllauer, Betriebsratsvorsitzender der Morawa Buch und Medien Gesellschaft, ist gute Beratung im Buchhandel der Schlüssel zum Erfolg. Elektronische Medien sollten Bücher in Zukunft nicht gänzlich verdrängen.

Das alte Sprichwort „In der Ruhe liegt die Kraft“ bringt die Stärken von Martin Müllauer auf den Punkt. Der 49-jährige Vater von zwei Söhnen strahlt enorme Gelassenheit aus, macht aber gleichzeitig klar, dass er heikle Anliegen der Beschäftigten mit der Geschäftsleitung unverblümt anspricht, und rasch zu lösen versucht. Schon als kleiner Bub hat Müllauer Bücher verschlungen. Die Begeisterung für das Lesen mündet in einer Buchhändler-Lehre, seit 1998 ist er „Morawianer“: zunächst als Beschäftigter in der Filiale in der Wollzeile und seit 2001 als Betriebsrat. Seit 2003 vertritt er als Vorsitzender des Betriebsrates der Morawa Buch und Medien GmbH rund 190 MitarbeiterInnen in Österreich.

Müllauer kennt die Branche wie seine Westentasche, die sinkenden Umsätze im Buchhandel begleiten seine Tätigkeit seit vielen Jahren. Als Vertrauensperson der Belegschaft hat er schon zahlreiche Filialschließungen miterleben müssen. Bei Kündigungen, die aus wirtschaftlichen Gründen passiert sind, hat er darauf gedrängt, dass Menschen, die sich in besonderen sozialen Situationen befinden, verschont bleiben. Konnten Alleinerziehende, Angestellte mit arbeitslosen Partnern oder Menschen über 50 Jahre an einem Standort nicht gehalten werden, setzte sich Müllauer für eine Versetzung in eine andere Filiale ein. „Das hat leider nicht immer geklappt, in Tirol und Oberösterreich gibt es beispielsweise keine Morawa-Standorte mehr.“ So mancher Härtefall konnte aber verhindert werden.

Beratung ist wichtig

Ein langfristiges Aussterben der Buchhändler befürchtet Müllauer dennoch nicht. Aus seiner Sicht ist derzeit ein Personalstand erreicht, mit dem gut gearbeitet werden kann: „Persönlich kann ich mir nicht vorstellen, dass wir mit noch weniger Personal diesen Service anbieten können.“ Der Vorteil des gut sortierten Buchhandels besteht für ihn – neben der Beratung –darin, dass ausgebildete Fachkräfte das Sortiment an die Bedürfnisse der Kundschaft am Standort anpassen: „Ein zentraler Einkauf könnte diese Vielfalt niemals berücksichtigen.“ Trotzdem ist auch Morawa ins Online-Geschäft eingestiegen, was Müllauer als „überlebensnotwendig“ erachtet. Die praktische Synergie dabei: Große Buchhandlungen nützen die Verkaufsflächen gleich als Lagerräume, da der Versand direkt aus den Filialen erfolgt.

Nachdenklich wird Müllauer, wenn es um den Rückgang der Lesefreudigkeit der Menschen geht, denn Lesen hat für den gebürtigen Wiener auch etwas mit Bildung und der Ausformung der Persönlichkeit zu tun. Auch Tendenzen zur Abschaffung des Schulbuches stoßen auf wenig Gegenliebe. Aus seiner Sicht sind elektronische Medien wie Tablet, Laptop oder Smartphone eine sinnvolle Ergänzung zu Büchern, sollten diese aber niemals vollständig ersetzen. Das Geschäft mit den Schulbüchern könnte für viele Buchhandlungen dennoch zur Gretchenfrage des Überlebens werden: Ohne diesen kalkulierbaren Umsatz müsste nach Ansicht Müllauers langfristig rund ein Drittel der Buchhandlungen zusperren.

Persönliche kontakte

Müllauer sucht den Kontakt und das direkte Gespräch mit den Angestellten. Soweit es seine Zeit erlaubt, ist er in den Filialen. Derzeit sind es viele Kleinigkeiten, die besprochen und geregelt werden müssen. So manches liegt für Müllauer im zwischenmenschlichen Bereich. Wenn etwa Angestellte gewisser Filialen zum wiederholten Male erst am Samstag den Dienstplan für die kommende Woche erhalten, oder wenn Teilzeitkräfte einseitig von der Filialleitung zu Diensten eingeteilt werden, dann wird Müllauer aktiv und „drückt ein wenig nach“. Vor Weihnachten sendet er regelmäßig ein Erinnerungsmail an die Filialleiter, dass „die 50-Stunden Woche bzw. der 10-Stunden-Tag auch in der Vorweihnachtszeit nicht zu überschreiten sind“.

Seine Gesprächsbasis zur operativen Führung des Familienunternehmens bezeichnet Müllauer als vital und gut: „Wir leben eine sehr gute Sozialpartnerschaft, über auftauchende Differenzen wird offen gesprochen.“ Auch Pausen in der Kommunikation, etwa nach einem unzufriedenstellenden Verhandlungsergebnis, wären kein Problem. In seinen Augen kann auf dem Gesprächsweg „wahnsinnig viel gelöst werden“. Er spricht über harte Verhandlungen mit einer gewissen Leichtigkeit: „Manchmal muss man eben auch mit den Muskeln spielen und ausdrücklich widersprechen.“

In seiner Rolle als Betriebsrat empfindet er sich als Mediator: „Vieles ist ein atmosphärisches Problem, es kommt auf die Art und Weise an, wie Veränderungen durchgeführt werden.“ Dass sich KollegInnen von Zeit zu Zeit bei ihm auch „einfach nur ausweinen“ wollen, stört ihn ganz und gar nicht: „So habe ich einen Überblick über Befindlichkeiten und Probleme im Unternehmen.“ Manchmal sind Müllauer und seine fünf Betriebsrats-KollegInnen auch rein menschlich gefragt, geben Rat und leisten Beistand. Diese Verbindlichkeit hat Müllauer ein gutes Standing verschafft, man vertraut ihm auch beim Verhandeln: Er ist FSG-Vorsitzender im ersten Bezirk, Mitglied des Bundesausschusses Handel in der GPA-djp und seit drei Jahren im Kern-Verhandlungsteam für den Handelskollektivvertrag. Kraft für die anstrengenden Aufgaben schöpft Müllauer aus einem ausgefallenen Hobby: Als „lebendiger Geschichtsdarsteller“ verkörpert er einen Römer und übt einerseits spielerisch wie man sich in der Haut eines anderen fühlt, und andererseits wie man Menschen Lebensumstände nahe bringt, die ihnen gänzlich fremd sind.

ZUR PERSON

Martin Müllauer absolvierte eine Buchhändlerlehre. Seit 1998 ist er bei Morawa beschäftigt: zunächst als Mitarbeiter in der Filiale in der Wollzeile und seit 2001 als Betriebsrat. Seit 2003 vertritt er als Vorsitzender des Betriebsrates der Morawa Buch und Medien GmbH rund 190 Angestellte und eine Arbeiterin in Österreich.