Weniger Stunden, mehr Mensch

"Bei Ausfällen darf es nicht länger zu Überstundenorgien kommen". Illustration: Peter M. Hoffmann

„Bei Ausfällen darf es nicht länger zu Überstundenorgien kommen“. Illustration: Peter M. Hoffmann

Die Arbeit mit Menschen ist intensiv und herausfordernd. Sie braucht bessere Bedingungen. Mit einer 35-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich sollen die Beschäftigten im Sozialbereich nachhaltig entlastet werden.

Mit Ende April starteten die Verhandlungen über eine Verkürzung der wöchentlichen Arbeitszeit auf 35 Stunden. Geführt von der GPA-djp und der Verkehrs- und Dienstleistungsgewerkschaft vida, ist die Arbeitszeitverkürzung besonders für die rund 100.000 Beschäftigten der Sozialwirtschaft in Österreich wichtig. Im Rahmen der vergangenen Kollektivvertragsverhandlungen hatten sich Gewerkschaften und Arbeitgeber darauf geeinigt, die 35-Stunden-Woche als Ziel im Kollektivvertrag zu verankern.

„Die Arbeit mit Menschen führt im Gesundheits- und Sozialbereich zu hohem psychischem Arbeitsdruck und verlangt Flexibilität“, erklärt der stellvertretende GPA-djp-Bundesgeschäftsführer Karl Dürtscher. „Eine Verkürzung der wöchentlichen Arbeitszeit bei vollem Lohnausgleich würde für alle Beschäftigten einen wesentlichen Beitrag zur Entlastung und zur Verbesserung der Arbeitssituation leisten. Arbeitszeitverkürzung ist auch ein Beitrag zur dringend notwendigen Burn-out-Prävention.“

Arbeiten im vorgegebenen Takt

Die steirische Volkshilfe bietet Kinderbetreuung und betreutes Wohnen, betreibt Senioren- sowie Kinderschutz-Zentren und eine Suchtpräventionsstelle. Außerdem ist sie mit mobilen Diensten (u. a. Hauskrankenpflege, Pflegeassistenz, Heimhilfe, Essenszustellung) unterwegs. „Über 90 Prozent unserer MitarbeiterInnen sind Frauen“, erklärt Beatrix Eiletz, die etwa 2.800 Beschäftigte vertritt. Als Heimhilfe startete sie 1991 im ehemaligen Bezirk Radkersburg, arbeitete sieben Jahre im mobilen Dienst. Mit Unterbrechungen ist Eiletz nun seit 1998 Betriebsratsvorsitzende der steirischen Volkshilfe.

Doch in den vergangenen Jahren ist der Arbeitsdruck auch bei den mobilen Pflege- und Betreuungsdiensten gestiegen. Eine Datenerfassung am Handy gibt den Takt vor: „Ich muss ständig schauen, dass ich die Betreuungszeit nicht überschreite“, weiß Eiletz. Jeder Arbeitsschritt muss penibel dokumentiert werden. Oft fragen die KlientInnen, weshalb ihre Betreuerin schon wieder etwas notiert. Die ständig wachsenden Dokumentationspflichten lassen die MitarbeiterInnen stöhnen. Auch für die pädagogische Arbeit in der Kinderbetreuung bleibt immer weniger Zeit.

Auch zunehmend intensiver gestaltet sich die Betreuung alter Menschen. Durch die höhere Lebenserwartung gibt es immer mehr SeniorInnen, die an Demenz leiden und körperlich gut bei Kräften sind – ihr teils aggressives Verhalten erschwert die Arbeit sehr. Die dünne Personaldecke bedingt, dass sich MitarbeiterInnen nicht auf den Dienstplan verlassen können. Denn häufig heißt es, für KollegInnen einspringen zu müssen. Freizeit lässt sich unter diesen Bedingungen kaum planen. Besonders die älteren MitarbeiterInnen sind überlastet. Beatrix Eiletz: „Ab 40 Jahren gibt es viele, die sagen, dass sie es nicht mehr schaffen und genug 50-jährige MitarbeiterInnen haben bereits gesundheitliche Probleme.“ Die Betriebsratsvorsitzende fordert die 35-Stunden-Woche als „unbedingt notwendig“ ein. Neben der Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich ist es allerdings enorm wichtig, den Personalstand auch dementsprechend anzupassen. „Bei Ausfällen darf es nicht länger zu Überstundenorgien kommen.“

Betreuung mit Leistungsdruck

Anton Lamprecht arbeitet beim steirischen Odilien-Institut – das Menschen mit Seh- und weiteren Behinderungen betreut – und im psychosozialen Zentrum Voitsberg, das Menschen mit chronischer psychischer Erkrankung begleitet. Das Angebot im Odilien-Institut reicht von der Frühförderung bis zum Seniorenheim. „Unser Ziel ist es, dass KlientInnen trotz ihrer Beeinträchtigung möglichst selbstständig werden.“ Sehbehinderte Menschen werden nicht nur in neuen Techniken geschult und ausgebildet. Sie lernen auch, wie sie ihren Alltag meistern können. Und so üben sie etwa in Begleitung das Fahren in der Straßenbahn oder die Bedienung eines Bankomats.

„Die Arbeit mit Menschen fordert hohes persönliches Engagement“, sagt Lamprecht. Im psychosozialen Zentrum Voitsberg gibt es ein ambulantes Beratungs- und Therapiezentrum, mobile Betreuung zu Hause und eine Tagesstruktur, in der Menschen einen Arbeitsalltag erleben. Auch diese Tätigkeit fordert und ist kein Ausgleich zur Aufgabe im Blindeninstitut.

Beziehungsarbeit

Die Beziehung zu den einzelnen KlientInnen/KundInnen / BewohnerInnen ist die Herausforderung in der Betreuungsarbeit. „Aber genau diese Anstrengungen sind der Kern der Betreuungsarbeit“, versucht Lamprecht die alltäglichen Schwierigkeiten in der sozialen Arbeit zu erklären.

Eine Teilzeitstelle zu haben, ist in der Sozialbranche der Normalfall. Das liegt zum einen daran, dass etwa in den Wohnbereichen die Hauptbetreuungszeit bei fünf bis sechs Stunden am Tag liegt. Andererseits ist es schwierig, diese Beziehungsarbeit durchgehend für acht Stunden ohne Stresssymptome zu verkraften. Doch mit einem Teilzeitjob kann das Leben nicht finanziert werden und so gibt es viele , die wie Lamprecht, unfreiwillig mehrere Jobs annehmen oder sich mit anderen zusätzlichen Einnahmequellen über Wasser halten.

Soziale Arbeit muss sich lohnen

Die Antwort auf diese Dauerbelastung kann nicht ein permanentes Ansteigen der Teilzeitarbeit sein. „Menschen, die andere Menschen unterstützen, benötigen eine gesicherte Existenzgrundlage und ein entsprechendes Einkommen. Es ist dringend an der Zeit, die Normalarbeitszeit in der Branche zu verkürzen und der Realität anzupassen“, erklärt der stellvertretende GPA-djp-Bundesgeschäftsführer Karl Dürtscher. Wenn ständig mehr Flexibilität und Leistungsbereitschaft eingefordert werden, braucht es einen fairen Ausgleich. Dürtscher fordert: „Neben einem entsprechenden Einkommen brauchen die Beschäftigten mehr Zeit zur Erholung, zur Regeneration und auch zur Weiterqualifizierung. Denn soziale Arbeit ist für uns alle wichtig.“