Buchtipp: Mit Geschichten aus der Arbeitswelt gegen weiße Flecken

„Geschichten aus der Arbeitswelt. Kurzgeschichten & Bilder“. edition lex liszt 12, Oberwart 2016, ISBN 978-3-99016-121-0, 166 Seiten, 16 Euro.

"Ausgebrannt", Geschichten aus der Arbeitswelt. Foto: Roman Felder und Roman Huditsch

„Ausgebrannt“, Geschichten aus der Arbeitswelt. Foto: Roman Felder und Roman Huditsch

Wir wissen viel zu wenig voneinander. Speziell wenn es um die Berufe der anderen geht und wie ihr Arbeitsalltag aussieht. Was bedeutet es KrankenpflegerInnen, wenn sie PatientInnen mit lebensnotwendigen Maßnahmen helfen? Wie ergeht es einer jungen Sachbearbeiterin, die mit dickköpfigen Machos zu tun hat? Oder dem Schlosser, dessen Nasenschleimhaut durch giftige Dämpfe zu bluten beginnt.

Zum Glück hat der wunderbare Kleinverlag edition lex liszt 12 „Geschichten aus der Arbeitswelt“ herausgebracht. Darin schildern 25 ArbeitnehmerInnen einen persönlichen Ausschnitt aus ihrer Berufswelt. Die Palette erstreckt sich vom Beamten (mit „Hausschuhen unter Stoffhosen“), der Schulabbrecherin und dem Polizisten über den Bauarbeiter, eine Ferialpraktikantin und eine Lehrerin bis zum Briefträger – ein besonderer Geschichten-Highlight –, dem Fabriksarbeiter und Maurerlehrling aus dem vorigen Jahrhundert. Ältere Arbeitslose kommen ebenso zu Wort wie BetriebsrätInnen. Wie gehen diese mit ihrer Verantwortung um, ArbeitnehmerInnen zu vertreten, wenn eine Kündigung oder Werksschließung im Raum steht?

Herausgegeben hat den Band die Arbeiterkammer Burgenland, die Geschichten könnten aber genauso gut aus einem x-beliebigen anderen Bundesland stammen. Wichtig ist, dass zum Beispiel auch von „digitalen Fesseln“ der Arbeitsgeräte Smartphone und iPad die Rede ist, die durchaus das Privatleben beeinträchtigen können. Wie erlebt die Leiterin einer Frauenberatungsstelle ihre Pionierarbeit, indem sie im Berufs- und im Privatleben benachteiligten Frauen eine erste Anlaufstelle bietet?

Die Ich-Geschichten sowie Porträts sind allesamt Kurzgeschichten, einfach zu lesen und teils von literarischer Qualität. Wunderbare Themenfotos der Fotografen Roman Felder und Roman Huditsch lockern die Textsammlung auf. Sie ist nicht nur informativ, sondern streckenweise auch sehr unterhaltsam und gleichzeitig berührend. Weil vermittelt wird, wie viel Menschlichkeit oft hinter der beruflichen Fassade steckt. Etwa dann, wenn der Polizist im Nachtdienst einer Familie mit zwei kleinen Kindern, die im kaputten, kalten Auto – im wahrsten Sinn – festsitzt, aus der Patsche hilft. Oder wenn die Geschichte eines schwer behinderten Buben die Journalistin, die über ihn berichten sollte, noch heute zu Tränen rührt.

Die „Geschichten aus der Arbeitswelt“ wirken banal. Sie sind aber ein wichtiges Mosaiksteinchen, um wieder ein paar weiße Flecken auf der Landkarte des Wissens abzudecken. Also Aufklärung im besten Wortsinn.