Porträt: Weder stahlhart noch butterweich

V.l.n.r. Reinhard Streinz, Herbert Kepplinger. Foto: Nurith Wagner-Strauss

V.l.n.r. Reinhard Streinz, Herbert Kepplinger. Foto: Nurith Wagner-Strauss

Herbert Kepplinger und Reinhard Streinz vom Angestelltenbetriebsrat der voestalpine Stahl GmbH haben ein weites Aufgabenfeld. Sie müssen den Spagat zwischen MitarbeiterInnenbetreuung, Konzernentscheidungen und KV-Verhandlungen bewältigen.

Sie sind ein gut eingespieltes Team. Herbert Kepplinger und Reinhard Streinz bilden nunmehr seit 2015 die Spitze des Angestelltenbetriebsrats bei der Linzer voestalpine Stahl GmbH, der größten Gesellschaft des voestalpine AG Konzerns. Gemeinsam mit 15 BetriebsratskollegInnen vertreten sie rund 2.500 Angestellte. Das Unternehmen produziert High-Tech-Stahl, der weltweit unter anderem in der Autoindustrie eingesetzt wird – etwa, um hochfeste Karosserien zu bauen, die mehr Sicherheit im Straßenverkehr bieten.

Vorwiegend geschmiert läuft auch das Verhältnis zum ArbeiterInnenbetriebsrat: „Wir ergänzen uns hervorragend“, erklärt Herbert Kepplinger. Die – seitens der Regierung – angedachten Änderungen bei den Betriebsratskörperschaften sieht Kepplinger kritisch. „Derzeit stehen nur Überschriften im Regierungsprogramm, das lässt viel Spielraum. Aus diesen Zeilen etwas herauszulesen, ist schwierig. Doch es wird vermutet, dass die Regierung vor allem die Gewerkschaften und die Betriebsräte schwächen will.“ Würde es statt Angestellten- und ArbeiterInnenbetriebsrat nur noch eine Körperschaft geben, bedeutet das auch weniger BetriebsrätInnen und damit auch weniger Service für die Belegschaft.

Wert der Kolleginnen

Im Alltag nimmt der Druck auf die Angestellten immer mehr zu und die Arbeitsintensität wächst. Ein Grund dafür sind personelle Abgänge und die daraus resultierenden Engpässe, weil Stellen nur teilweise nachbesetzt werden. „Das erhöht den Leistungsdruck auf die verbleibenden MitarbeiterInnen“, weiß der stellvertretende Betriebsrats-Vorsitzende Reinhard Streinz. Burn-out-Gefährdung ist ein bedenklicher Nebeneffekt. „Das betrifft nicht nur ältere MitarbeiterInnen, die nicht länger mit der immensen Geschwindigkeit mithalten können, sondern auch Jüngere, die einfach überfordert sind“, erzählt Streinz von seinen Erfahrungen und Beobachtungen. Für ihn ist es äußerst wichtig, dass die Firma den Wert der betroffenen KollegInnen zu schätzen weiß. „Wir setzen Maßnahmen, um diese Menschen wieder in den Arbeitsalltag zu integrieren“, erklärt Streinz.

Betriebsrat zu sein, heißt auch ein offenes Ohr für die privaten Probleme der MitarbeiterInnen zu haben. Das reicht vom einfachen Zuhören bis zur Hilfe bei der Wohnungssuche. Von den Verkehrsstrafen, die in dem immerhin fünf Quadratkilometer großen Werksgelände eingehoben werden, wird Geld für ArbeitnehmerInnen gesammelt, die von tragischen Schicksalsschlägen betroffen sind: 2017 hatte ein Kollege einen schweren Arbeitsunfall, 2016 hatte ein Mitarbeiter einen schrecklichen Fahrradunfall, der eine Querschnittslähmung nach sich zog. „Das Leid können wir nicht mindern, aber die Mitarbeiter finanziell unterstützen“, sagen Kepplinger und Streinz.

Mitarbeiterinnen-Beteiligung

Der voestalpine Konzern ist ein Paradebeispiel für gelebte Sozialpartnerschaft: Über 14 Prozent der Aktien sind in der Hand der ArbeitnehmerInnen. Dieses MitarbeiterInnen-Beteiligungsprogramm wurde 2000 eingeführt und von Management und Betriebsrat gemeinsam entwickelt. MitarbeiterInnenaktien und damit auch die Stimmrechte werden in einer Privatstiftung verwaltet. Dadurch verfügt die Belegschaft über zwei bedeutende Möglichkeiten der Mitbestimmung: aufgrund der gebündelten Stimmrechte über eine gewichtige Stimme in der Hauptversammlung und ein Mandat im Aufsichtsrat der voestalpine AG, das auf Vorschlag der MitarbeiterInnenbeteiligung besetzt wurde. An den Aktien sind rund 25.000 MitarbeiterInnen und PensionistInnen in Österreich sowie 2.000 internationale MitarbeiterInnen in acht Ländern beteiligt.

Kollektivvertrag

Auch in der klassischen Form der Sozialpartnerschaft sind Kepplinger und Streinz vertreten. Die beiden gehören zum Verhandlungsteam des Metaller-Kollektivvertrages. „Heuer sind wir stolz auf das Ergebnis – wir haben immerhin drei Prozent Erhöhung für alle Beschäftigten erreicht“, freut sich Kepplinger. Die Verhandlungen haben ihre Eigenheiten, etwa Marathonrunden bei kaltem Buffet und Kaffee aus der Thermoskanne. „Es ist nicht angenehm, wenn in der Bundeswirtschaftskammer der Kaffee um vier Uhr in der Früh ausgeht und noch immer weiterverhandelt wird“, beschreibt Kepplinger die Atmosphäre. Kurios ist, dass der Obmann des größten Arbeitgeber-Fachverbands nicht am Tisch verhandelt, sondern im Nebenzimmer sitzt und sich über die Vorgänge informieren lässt. „Er verfasst dann gerne Presseaussendungen“, schmunzelt Reinhard Streinz. Bei den jüngsten Verhandlungen im November erfuhr die Presse sogar etwas früher als der Verhandlungspartner, dass die Arbeitgeber bei drei Prozent einwilligten.

 

Zu den Personen:

Herbert Kepplinger ist am 1. September 1972 in die damalige VÖEST eingetreten, und ist seit 1986 im Angestelltenbetriebsrat tätig. Seit 2015 ist er Vorsitzender des Angestelltenbetriebsrats.
„In der Gewerkschaftsschule habe ich gesehen, wie die Arbeitswelt verbessert werden kann.“ Kepplingers Motivation: „Etwas im Kleinen zu verbessern und den KollegInnen am Arbeitsplatz zu helfen, damit es gerechter zugeht“.
Er entwickelte flexible Gleitzeitregelungen, die sowohl für die Belegschaft als auch für das Unternehmen fair sind.

Reinhard Streinz feiert heuer sein 35-jähriges Dienstjubiläum. Der gelernte Anlagenmonteur ist seit 2010 im Betriebsrat tätig. 2015 hat er die Funktion des stellvertretenden Vorsitzenden des Angestelltenbetriebsrats übernommen.
Seine Motivation: „Verschiedenste Dinge für die KollegInnen gestalten und die vielen Möglichkeiten nutzen, um etwas zum Wohle der Beschäftigten zu bewegen.“
Im Rahmen einer Projektarbeit hat sich Streinz etwa mit der Reintegration von MitarbeiterInnen auseinandergesetzt, die sehr lange im Krankenstand waren.