Zu Saturn und zurück: Ein Selbstversuch zum kassalosen Einkaufen

Quelle: Saturn Pressemeldung

Quelle: Saturn Pressemeldung

Von Norbert Ertl

Anfang März hat im Einkaufszentrum Sillpark im Herzen von Innsbruck, der Elektronikmarkt Saturn ein neues Geschäft eröffnet. Dies allein wäre noch keine Schlagzeile wert, es handelt sich dabei aber um einen Popup-Store auf 120 m², der ohne Kassa auskommt.

Der Kunde ist dort also nicht nur König, sondern Kunde und „Do-it-yourself“-Kassakraft in einem. Wie sich das anfühlt, habe ich in einem Selbstversuch getestet und mich an einem Samstagvormittag auf den Weg dorthin gemacht.

Zunächst ist es nicht einfacher
Meine wohlwollende Vorbereitung umfasste das Runterladen einer App, die es erlaubt, das Smartphone in einen Scanner zu verwandeln. Es ist auch hilfreich, eine Kreditkarte zu besitzen oder ein PayPal Konto, ansonsten ist es nämlich nicht möglich den Artikel der Wahl auch zu bezahlen. Eine Bankomatkarte beispielsweise, nützt in diesem Geschäft nichts, auch nicht eine Brieftasche die vor Euro Scheinen strotzt. Es gibt also schon Nutzungsbeschränkungen für KundInnen, die nicht über die nötigen Voraussetzungen verfügen oder verfügen wollen.

Kassalos bedeutet nicht kontrolllos
Der Tagtraum, die Artikel einfach aus dem Geschäft zu tragen ohne zu bezahlen, scheitert an einem freundlich wirkenden Herrn mittleren Alters, der sich vor dem Geschäft in einen Anzug gekleidet aufhält und unverkennbar etwas dagegen einzuwenden hätte. Zusätzlich sind die Artikel natürlich elektronisch abgesichert und erst durch den Bezahlvorgang kommt man ohne Alarm auszulösen durch den Ausgangsbereich.

Der erste Eindruck zählt
Mein erster Eindruck ist, dass im Vergleich zum Saturn Hauptgeschäft im Kaufhaus Tyrol sich relativ wenige Kunden hier aufhalten. Um genau zu sein, bin ich im Geschäft und ein Verkäufer, erst während des Gesprächs mit diesem stoßen weitere Kunden hinzu. In diesem Elektronikmarkt wird auch nicht das gesamte Sortiment angeboten, sondern eher Kleinwaren wie beispielsweise Kopfhörer, Lautsprecher, Zubehör aus den Bereichen Unterhaltungselektronik, Computer und Haushalt. Da mein Budget für diesen Testkauf endenwollend ist, entscheide ich mich für Batterien.

Aller Anfang ist schwer
Durch mein hilfloses Auftreten alarmiert, erbarmt sich der freundliche Verkäufer und geht mit mir Schritt für Schritt den Vorgang der Bezahlung durch. Da ich keine hilfreiche Ablage für das ruhige Einscannen des Strich-Codes an der Ware finde, gestalten sich meine ersten Versuche als „freiwillige“ Kassakraft als verbesserungswürdig. Erst Hinweise des Angestellten, welcher Code gescannt werden muss und in welchem Abstand, führen schlussendlich zum gewünschten Erfolg. Mein „Self-check-out“ ist nach einigem Aufwand dann doch gelungen. Die Rechnung wird mir sodann via E-Mail zugeschickt. Also auch eine aktive E-Mail-Adresse ist notwendig.

Ich arbeite für die Produkte, welche ich selbst bezahlen muss
Der Anfang dieser Entwicklung, dass Tätigkeiten von MitarbeiterInnen auf den KundInnen übertragen werden, wurde von Tankstellen mit Self-Service gemacht. Es folgten die Banken mit Selbstbedienungsschaltern und Onlinebanking, Airlines mit Self-Check-in, Supermärkte und Möbelhäuser mit Scanner-Kassen. Von den Unternehmen wird natürlich darauf hingewiesen, dass dies nicht dem Personalabbau dient. So sei mehr Zeit für den direkten Kundenkontakt vorhanden, die Beratung kann intensiviert werden, heißt es.

Alles zum Wohle des Kunden
Florian Gietl, Österreich Chef von Mediamarkt/Saturn formuliert es so: „Kompetente Beratung und digitales Einkaufen durch Self-Check-out in Kombination mit persönlicher Beratung vor Ort, bietet klaren Mehrwert. Im Store stehen allen KundInnen geschulte FachberaterInnen in Fragen rund um die modernste Technik, das Produktsortiment von Saturn Express sowie die Bezahlung via App zur Seite. Der Vorteil: MitarbeiterInnen können sich hier deutlich auf die Kundenberatung konzentrieren. „Kompetente und bedarfsorientierte Beratung ist gerade beim Kauf moderner Technik unerlässlich.“

Ein Zukunftsmodell?
Es gibt viele offene Fragen darüber, welche Auswirkungen diese neuen Geschäftsmodelle für die Angestellten mit sich bringen. Aufgrund des hier angebotenen Sortiments stellt sich vor allem die Frage: „Braucht der Kunde/die Kundin Beratung oder eine Einschulung auf das neue Kassensystem?“ Wie der Selbstversuch zeigt, scheint die Beratung vor allem das Ziel zu haben, den Kunden/die Kundin darauf zu trainieren, selber die Arbeit für den Produkteinkauf zu leisten“, gibt Anita Palkovich (Wirtschaftsbereichssekretärin GPA-djp) zu bedenken. Unabhängig davon ist aber klar, dass es für diese Entwicklungen aus der Sicht der ArbeitnehmerInnen schon jetzt Lösungen braucht. Aus diesem Grund, so betont Anita Palkovich, „haben wir die zu erwartenden Veränderungen, schon jetzt im neuen Handelskollektivvertrag berücksichtigt.“ Konkret ist die Einstufung für Tätigkeiten wie „Kundenberatungen unter Anwendung vertiefter Warenkenntnisse“ sowie „die Anleitung, Aufsicht und Kontrolle von Selbstbedienung-Arbeitsabläufen“ genau geregelt und höher entlohnt.
Ob dieses Modellprojekt des komplett kassalosen Shops eines Tages vielleicht zum Alltag gehören wird, bleibt abzuwarten, möglich ist es. Jene unter uns, die über kein Smartphone und keine Kreditkarte verfügen oder für die das Wort „App“ ein großes Fragezeichen ist, bleibt zumindest der Trost leichter Geld zu sparen. Wie dem auch sei, es beruhigt zu wissen, dass den Anliegen der Beschäftigten schon heute Sorge getragen ist.