Porträt: Sein täglich Brot

Amer Kaniza, Jugendvertrauensrat bei Anker. Foto: Nurith Wagner Strauss

Amer Kaniza, Jugendvertrauensrat bei Anker. Foto: Nurith Wagner Strauss

Gestalten, helfen, zuhören und vorbildlich arbeiten – Aufgaben, die der Anker-Jugendvertrauensrat Amer Kaniza Tag für Tag unterbringen will. Natürlich auch in der Frühschicht. 

Vor rund einem Jahr ist Amer Kaniza zum Jugendvertrauensrat (JVR) bei Anker gewählt worden. Das erste Mal Interesse für diese Tätigkeit hatte der 20-jährige Verkäufer während seiner Lehre als Einzelhandelskaufmann bei einem großen Handelsunternehmen. Dort kam es zu Problemen mit seinem Vorgesetzten. Statt Ausbildung hieß es: „Da hast du und mach.“ Ärgerlich waren auch die Überstunden und geforderte Tätigkeiten, die nichts mit der Lehre zu tun hatten. „In einer Lehre sollte man wirklich ausgebildet werden und nicht als billige Arbeitskraft dienen“, sagt Amer. Der Vortrag einer Jugendsekretärin, die in der Berufsschule über Rechte und Pflichten eines Lehrlings referierte, machte Amer hellhörig. Einige Tage später holte er sich weitere Infos von der GPA-djp Jugend. „Dann bin ich zu meinem Vorgesetzten gegangen und habe ihn aufgefordert, mir etwas beizubringen“, erinnert sich der JVR. „Mit der Zeit haben wir wirklich kooperiert und zusammengearbeitet. Wenn es in der Berufsschule etwa um Wein und Spirituosen ging, konnte ich in der entsprechenden Abteilung das Erlernte gleich in die Praxis umsetzen.“

Wahl zum Jugendvertrauensrat
Nach dem Ende seiner Lehre wollte Amer lieber im Verkauf mit ständigem Kundenkontakt arbeiten. „Da kam ich auf die Idee, mich bei Anker zu bewerben – ein Traditionsunternehmen und so richtig wienerisch.“ Seit zwei Jahren arbeitet Amer im Unternehmen, derzeit in einer Filiale in Wien- Meidling. Weil es seit längerer Zeit keinen Jugendvertrauensrat mehr bei Anker gab, fragte Amer bei der Betriebsratsvorsitzenden an, ob er diese Funktion besetzen könnte und erklärte sich bereit, einen neuen Jugendvertrauensrat zu gründen. „Sie hat mich voll unterstützt, und die GPA-djp hat mir geholfen, die Wahl vorzubereiten und abzuhalten.“ Die Betriebsrätin informierte den Vorgesetzten, half bei der Aussendung von E-Mails und stellte sogar ihr Büro zur Verfügung. Am Wahltag selbst konnte sich Amer auf die Hilfe eines Jugendsekretärs verlassen. „Bei den Fristen muss man sehr aufpassen, auch nach der Wahl. Der ganze Prozess dauert etwas – jemand könnte sich beschweren oder die Wahl anfechten“, erzählt Amer, der in dieser Zeit ziemlich nervös war. „Es ist schon schwierig, ein bis zwei Monate zu warten bis alles passt. Aber es war auch eine spannende Zeit.“ Für Jugendvertrauensräte gibt es auch einen GPA-djp-Grundkurs, den Amer durch eine Bildungsfreistellung besuchen konnte. Im Gremium agiert der 20-Jährige heute als Vorsitzender, hat eine Stellvertreterin und zwei Ersatzmitglieder. Derzeit werden etwa 30 Anker-Lehrlinge vom JVR vertreten.

Probleme im Gespräch lösen
„Es gibt selten Probleme, wo der Betriebsrat eingeschaltet werden muss. Unser Lehrlingsbeauftragter schaut sehr auf die Gesetze und die Jugendlichen.Bisweilen fühlt sich ein Lehrling ungerecht behandelt, weil er etwa eine halbe Stunde vor Arbeitsbeginn kommen muss. Dann reden wir mit der Filialleitung und innerhalb von zwei Tagen wird das Problem gelöst.“ Auch der soziale Zusammenhalt soll gefördert werden: „Im Sommer haben wir am Jugendsporttag teilgenommen. Die Firma hat zugestimmt, dass die TeilnehmerInnen den Tag bezahlt und einen Essensbeitrag bekommen.“ Vergangene Weihnachten wurde auf Unternehmenskosten eine Lehrlingsfeier in einem Restaurant organisiert.

Die Schule hat Amer nie besonders interessiert, weil er lieber Geld verdienen wollte. Heute verkauft er täglich Gebäck an höchst unterschiedliche KundInnen: „Extrem höfliche bis sehr unwirsche Menschen, die reinkommen, nicht grüßen und
beinhart mit dem Finger auf etwas zeigen und sagen, dass ich mich beeilen soll.“ Dafür fragen ihn manche StammkundInnen, wie es ihm geht. Ab und an machen ihm die Arbeitszeiten etwas zu schaffen: „Da bei uns alles frisch vor Ort gebacken wird, muss ich teilweise um drei in der Früh anfangen und arbeite dann bis 10 Uhr am Vormittag – das sind die anstrengenden Tage.“ Vor kurzem hat er seine Ausbildung zum Filialleiter erfolgreich abgeschlossen, was auch seine Eltern sehr stolz macht.
Wenn Amer Kaniza über seinen Beruf spricht, wird deutlich, wie ernst er alle seine Aufgaben nimmt: „Als Jugendvertrauensrat muss ich auch vorbildlich arbeiten.“ Amer will „überall aktiv mithelfen und gestalten, sei es in der Gewerkschaft oder in der Firma. Wenn ich Zeit habe, gehe ich auch in eine der Filialen, besuche die Lehrlinge und frage, wie es ihnen geht und ob ich irgendwo helfen kann“.
Dass die Regierung den Jugendvertrauensrat abschaffen will, hält Amer für keine gute Idee. „Dann gibt es keine Person mehr, an die sich Lehrlinge wenden können. Ein JVR in der Firma ist ein wichtiger Ansprechpartner für die Jungen, zu einem annähernd gleichaltrigen Menschen können sie mehr Vertrauen aufbauen.“

 

Wissen:

Der Jugendvertrauensrat vertritt die Interessen der Lehrlinge bis zum 21. Lebensjahr, bzw. minderjährige ArbeitnehmerInnen. Anfang der 70er-Jahre sammelten Lehrlinge mehr als 50.000 Unterschriften dafür. 1973 trat dann das Jugendvertrauensrätegesetz in Kraft. „Wer einen JVR gründen will, kann sich an die GPA-djp-Jugend wenden“, sagt der Bundesjugendsekretär Christian Hofmann. In Grundkursen werden die JVR über Aufgaben, Pflichten und Rechte aufgeklärt. „Die Lehre hängt nicht allein vom guten Willen der Arbeitgeber ab. Es gibt nämlich ein Berufsausbildungsgesetz, das die Lehrinhalte ziemlich genau regelt“, so Hofmann.