Arbeitszeitverkürzung: Ein Blick ins Ausland zeigt, wie es funktioniert

Foto: lensw0rld, stock.adobe.com

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Während die schwarz-blaue Regierung in Österreich die Arbeitszeit trotz massiver Proteste ausdehnt, wird in anderen Ländern die Arbeitszeit bei vollem Lohnausgleich verkürzt. Erfolgreich für Unternehmen und Beschäftigte.

Die Bundesregierung rechtfertigte aktuellen Angriffe auf das Arbeitszeitrecht unter anderem mit einer, aus ihrer Sicht notwendigen, Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit. Im internationalen Vergleich sollen österreichische Unternehmen durch eine einseitige „Flexibilisierung“ der Arbeitszeit konkurrenzfähiger werden. Dies soll natürlich auf Kosten der ArbeitnehmerInnen passieren. Längere Arbeitstage, weniger Geld, weniger Freizeit, schlechtere Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie höhere Gesundheitsrisiken.
Um diese Argumentation belegen zu können, werden meist halbrichtige Vergleiche mit Arbeitszeitmodellen aus anderen Ländern herangezogen, die auf Kosten der Beschäftigten noch „wettbewerbsfähiger“ sein sollen. Ein Blick auf diverse Arbeitszeitmodelle erfolgreicher Unternehmen weltweit zeigt jedoch, dass fortschrittliche Projekte, die eine Verkürzung der Arbeitszeit vorsehen, immer mehr Zuspruch finden.

Unternehmen verkürzt freiwillig die Arbeitszeit
Ein neuseeländisches Finanz- und Immobilienunternehmen testete in einem achtwöchigen Experiment das Modell der Viertagewoche. Der im März gestartete Versuch umfasste 240 MitarbeiterInnen, die bei vollem Lohnausgleich lediglich vier Tage pro Woche arbeiteten.
Die Ergebnisse waren äußerst positiv, weshalb sich das Unternehmen sogar zur Einführung der generellen Viertagewoche ab Oktober entschied. Vor allem die Beschäftigten konnten von diesem Modell enorm profitieren. Der Stresslevel konnte trotz einer Reduktion der Arbeitszeit von 45 auf 38 Prozent reduziert werden. Die Zufriedenheit der ArbeitnehmerInnen, was das Verhältnis zwischen Berufs- und Privatleben anbelangt, steigerte sich von 54 auf 78 Prozent. Die Bewertungen für Parameter wie Führungsstärke, Einigkeit, Motivation oder Selbstständigkeit sind in allen Bereichen gestiegen. Entgegen vieler Behauptungen von Seiten der Wirtschaft, stieg die Produktivität während dieses Testlaufes im Unternehmen sogar geringfügig an, das stellte auch der Geschäftsführer fest. Das Projekt wurde von einem ForscherInnenteam der Universität-Auckland wissenschaftlich begleitet.

Qualitätssteigerung durch Arbeitszeitverkürzung
In der schwedischen Stadt Göteborg werden aktuell im Gesundheits- und Sozialbereich Modelle, die eine 30-Stunden Woche bei vollem Lohnausgleich vorsehen, getestet. Ebenfalls mit durchwegs positiven Ergebnissen. In einem Altersheim führte die Reduzierung der Arbeitszeit zum Rückgang eines Fünftels der Krankenstände. Die Zufriedenheit sowie die Gesundheit der Beschäftigten, aber auch die der zu Pflegenden, konnte hingegen erhöht werden. Es gelang mit diesem attraktiveren Arbeitszeitmodell durch zahlreiche Neuanstellungen auch der seit langem vorherrschenden Personalknappheit in der Einrichtung entgegen zu wirken. Durch die zusätzlichen Beschäftigten stiegen zu Beginn des Projektes zwar die Personalkosten, diese Investitionen reduzieren jedoch die Arbeitslosigkeit insgesamt, was zu höheren Steuereinahmen und niedrigeren Ausgaben bei der Arbeitslosenunterstützung führt.

Arbeitszeitverkürzung ist notwendig, in vielerlei Hinsicht
Die Wochenarbeitszeit liegt in Österreich derzeit bei 41,4 Stunden und ist im europäischen Schnitt hinter Großbritannien und Zypern die dritthöchste. Jährlich werden mehr als 245 Mio. Überstunden geleistet, viele davon unbezahlt.
Im Vergleich zu den Reallöhnen steigt die Produktivität in Österreich rasanter. Dies führt dazu, dass zur Erzeugung derselben Güter immer weniger Beschäftigte benötigt werden. Dadurch entsteht zwar einerseits mehr Gewinn, der nicht gerecht verteilt wird, andererseits jedoch hat diese Entwicklung den Verlust von Arbeitsplätzen zur Folge. Um diesen Wegfall ausgleichen zu können, müsste das Wirtschaftswachstum stets gleich hoch sein wie der Produktivitätsanstieg, was in den letzten Jahren aber nicht der Fall war und auch zukünftig unrealistisch sein wird. Daraus resultiert ein Verlust von Arbeitsplätzen, der nur durch eine Verringerung der generellen Arbeitszeit ausgeglichen werden kann. Es braucht daher eine Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich, um einerseits die entgangenen Produktivitätsgewinne der letzten Jahrzehnte an die Beschäftigten auszuschütten und um andererseits neue Arbeitsplätze zu schaffen und damit den Wohlstand insgesamt zu erhöhen.

Eine fortschrittliche Arbeitswelt für Alle
Das Zeitalter der Automatisierung und Digitalisierung bietet die Chance einer völligen Neuverteilung der Arbeitszeit. In einer modernen Arbeitswelt sollte also nicht mehr im Vordergrund stehen wie viele Stunden sich die Beschäftigten an ihrem Arbeitsplatz befinden, sondern wie produktiv sie dabei sind. Diese Produktivität erhöht sich vor allem dann, wenn, neben dem technologischen Fortschritt, die Arbeitszeit nicht länger, sondern kürzer ist und den Menschen ausreichend Erholungsphasen zur Verfügung stehen.
Dabei spielt auch die Geschlechtergerechtigkeit eine wesentliche Rolle, denn vor allem Frauen hätten durch die Verkürzung der Arbeitszeit leichter die Möglichkeit, nach einer Geburt wieder ins Erwerbsleben einzusteigen. Die Erziehungsarbeit könnte durch die generelle Reduktion der Arbeitszeit beider Elternteile besser zwischen den Geschlechtern aufgeteilt werden. Setzen wir uns daher im Sinne der Beschäftigten weiterhin gegen die Ausweitung der Arbeitszeit ein und fordern wir stattdessen eine Arbeitszeitverkürzung, beispielsweise in Form der Viertagewoche, bei vollem Lohnausgleich. Zahlreiche Beispiele aus anderen Ländern zeigen uns bereits wie es möglich wäre.

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