Interview mit Roland Schneider: „Der Wunsch nach mehr Freizeit wächst“

Foto: Nurith Wagner-Strauss

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Roland Schneider war langjähriger Mitarbeiter des Trade Union Advisory Committee bei der OECD in Paris und hat im Auftrag der Hans-Böckler-Stiftung eine Studie zu innovativer Arbeitszeitpolitik im Dienstleistungssektor erstellt. Wir haben ihn zu Arbeitszeitpolitik im europäischen Vergleich interviewt.

KOMPETENZ: Wie hat sich die Arbeitszeitpolitik in den vergangenen Jahrzehnten entwickelt. Kann man große Trends und Richtungen ablesen?

Roland Schneider: Wenn wir von Trends in der Arbeitszeitpolitik sprechen, dann sollten wir zunächst den Blick auf die Periode von 1984 bis 1998 richten. Das war die Periode, in der Gewerkschaften und in Frankreich auch staatliche Politik massiv auf Arbeitszeitverkürzung gesetzt haben. Die Zeit danach sieht auf den ersten Blick wie eine Zeit des arbeitszeitpolitischen Stillstandes aus. Wenn man aber genauer hinsieht, gab es keinen Stillstand. In der Zeit nach den massiven Arbeitszeitverkürzungen ging es darum, die Arbeitszeitregelungen der Kollektivverträge im Betrieb und in den Verwaltungen umzusetzen. Dabei waren viele Probleme zu bearbeiten. Zum Beispiel, dass die Leistungsverdichtung nicht zunimmt und die Arbeitszeitverkürzung auch in mehr Beschäftigung umgelegt wird.

KOMPETENZ: Jetzt, im 21. Jahrhundert, geht es weniger um durchgängige Arbeitszeitverkürzung für alle, sondern es geht um viel differenziertere Arbeitszeitregelungen und arbeitszeitpolitische Strategien, die dem Wandel der Arbeitszeitwünsche der Beschäftigten Rechnung tragen.
Wie sehen die großen Herausforderungen im Hinblick auf den Wandel der Arbeitsverhältnisse und der Arbeitszeitstrukturen aus?

Roland Schneider: Zum einen geht es darum, dass Gewerkschaften und Beschäftigte Position beziehen gegen Versuche, das Rad der Arbeitszeitentwicklung zurückzudrehen und die Arbeitszeit wieder zu verlängern. Zum zweiten geht es darum sicherzustellen, dass flexible Arbeitszeiten auch wirklich zugunsten der Beschäftigten genutzt werden können. ArbeitnehmerInnen brauchen mehr und bessere Möglichkeiten, um eine eigene verantwortungsvolle Arbeitszeitgestaltung vorzunehmen.

KOMPETENZ: In Österreich hat die Bundesregierung mit 1. September mit dem 12-Stunden-Tag bzw. der 60-Stunden-Woche eine Arbeitszeitverlängerung vorgenommen. Sind solche Entwicklungen auch in anderen europäischen Ländern zu beobachten?

Roland Schneider: Wenn man sich in Europa umschaut und umhört dann muss man feststellen, dass die österreichischen Arbeitgeber offensichtlich viele Freunde in anderen Ländern haben. Es gibt überall Stimmen aus der Wirtschaft und dem Lager der Konservativen, die eine Aufweichung der europäischen Arbeitszeitrichtlinie und somit längere Arbeitszeiten fordern. Aber Regierungen und auch Unternehmensleitungen sind gut beraten, wenn sie diesen Forderungen nicht nachgeben. Es gibt klare empirische Hinweise darauf, dass lange Arbeitszeiten und hohe Produktivität, lange Arbeitszeiten und Wettbewerbsfähigkeit, lange Arbeitszeiten und motivierte und engagierte Belegschaften nicht kompatibel sind. Deshalb, so denke ich, ist das letzte Wort über eine Arbeitszeitverlängerung in Österreich und in anderen Ländern noch nicht gesprochen. Auf dem Papier haben die Unternehmen jetzt zwar die Möglichkeit, die Arbeitszeit zu verlängern. Aber ökonomisch und arbeitsmarktpolitisch halte ich das nicht für einen klugen, strategisch sinnvollen Schritt.

KOMPETENZ: Wie sind die Rahmenbedingungen zu Arbeitszeitregulierungen im europäischen Vergleich? Sie haben schon die europäische Arbeitszeitrichtlinie angesprochen. Was wird hier geregelt, und wie sieht die Situation in den verschiedenen europäischen Mitgliedsstaaten aus?

Roland Schneider: Die europäische Arbeitszeitrichtlinie ist ein wichtiger institutioneller Bestimmungsfaktor der Arbeitszeitpolitik. Alle EU-Mitgliedsstaaten sind angehalten, ihre Arbeitszeitgesetze mit der Richtlinie in Einklang zu bringen. Diese sieht unter anderem vor, dass die wöchentliche Arbeitszeit nicht länger als 48 Stunden sein soll. Da gibt es einen definierten Ausgleichszeitraum. Es gibt ferner die Vorschriften einer mindestens elfstündigen Ruhepause täglich und einer mindestens 24-stündigen ununterbrochenen Pause am Wochenende. Die meisten Länder haben das umgesetzt. In vielen Ländern ist es den Gewerkschaften auch gelungen, kollektivvertraglich für die ArbeitnehmerInnen weitaus bessere Arbeitszeitregelungen durchzusetzen. Eine wichtige Schrittmacherrolle spielt die tarifliche Arbeitszeitpolitik der Gewerkschaften gegenwärtig jedoch nur in elf der 28 EU-Mitgliedsländer. Der Grund dafür ist, dass in acht Ländern die Arbeitszeit maßgeblich durch Arbeitszeitgesetze bestimmt wird. In diesen Ländern haben die Gewerkschaften wenig Möglichkeiten, über Arbeitszeitdauer und Arbeitszeitsituation zu verhandeln.

Dann gibt es eine Gruppe von Ländern, dazu gehört Frankreich, in denen gesetzliche Arbeitszeitbestimmungen durch Kollektivverträge zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern zugunsten der ArbeitnehmerInnen verbessert werden können. Schließlich gibt es die erwähnte Gruppe der elf Länder, zu denen Österreich und auch Deutschland gehören, in denen die Arbeitszeit vorrangig durch die Bestimmungen der Kollektivverträge geregelt wird. In diesen Ländern werden die Bestimmungen zur Dauer, Lage und Organisation der Arbeitszeit meist auf Branchenebene, seltener auf Unternehmensebene, ausgehandelt. Im Zusammenhang mit der Verkürzung und Flexibilisierung der Arbeitszeit gibt es in vielen Ländern interessante Entwicklungen. Viele Tarifverträge, die ich mir in meiner Studie angesehen habe, unterstreichen, dass Arbeitszeitflexibilisierung positiv für beide Seiten sein kann.  Aber das setzt voraus, dass durch Kollektivverträge und Betriebsvereinbarungen Arbeitszeitoptionen, d. h. klare Gestaltungsspielräume, Wahl- und Entscheidungsmöglichkeiten für die Beschäftigten, geschaffen werden.

KOMPETENZ: In Österreich gibt es vor allem bei Frauen eine sehr hohe Teilzeitquote und ein hoher Anteil von Frauen kehrt nach einer Elternkarenz nicht mehr voll ins Berufsleben zurück. Ist dieser Unterschied bei der Arbeitszeitverteilung zwischen den Geschlechtern in ganz Europa zu finden?

Roland Schneider: Es gibt einen großen Unterschied in der Dauer der Arbeitszeit zwischen den Geschlechtern. Der Gender Time Gap, die Kluft zwischen den tatsächlichen Arbeitszeiten von Männern und Frauen, ist aber in den skandinavischen Ländern weitaus geringer als in Westeuropa und Südeuropa. Das hat damit zu tun, dass die Sozialstaatsinstitutionen in den nordischen Ländern besser ausgebaut sind, und dass die Arbeitsmarktpolitik dort auch bessere Bedingungen für die Erwerbstätigkeit von Frauen geschaffen hat. In Österreich und in Deutschland ist die Arbeitszeitlücke zwischen den Geschlechtern weitaus ausgeprägter. Das hat damit zu tun, dass in Deutschland und vermutlich in Österreich auch, Kinderbetreuungsmöglichkeiten fehlen. Die Daten zeigen, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen der Arbeitszeitdauer von Frauen und dem Alter der Kinder im Haushalt. Bei jüngeren Kindern, bei Kindern die schulpflichtig sind, sind die Arbeitszeiten eher kurz und die Teilzeitquote relativ hoch. Aber auf der anderen Seite muss man auch sehen, dass die Arbeitszeitlücke zwischen den Geschlechtern existiert, weil unbezahlte Arbeit in der Familie noch immer sehr ungleich verteilt ist.

KOMPETENZ: Wie kann eine Flexibilisierung aussehen, die den Interessen der Beschäftigten besser gerecht wird?
Roland Schneider: Die Beschäftigten wollen – unabhängig von ihrer Qualifikation – eine gewisse Verlässlichkeit, eine gewisse Regelmäßigkeit und Planbarkeit in ihren Arbeitszeitstrukturen haben. Das wird durch Arbeitszeitoptionen und Wahlmöglichkeiten möglich; deshalb ist dieser Gedanke von einer Reihe von Gewerkschaften aufgegriffen worden. In Deutschland hat zum Beispiel die Dienstleistungsgewerkschaft ver.di in einem aktuellen Tarifvertrag mit der Post eine sogenannte Entlastungszeit vereinbart. Im Wesentlichen geht es dabei, wie auch bei der Freizeitoption im Kollektivvertrag in der Elektro- und Elektronikindustrie in Österreich, darum, den Beschäftigten mehr Wahlmöglichkeiten zu eröffnen. Diese sollen wählen können zwischen zusätzlichem Einkommen oder kürzeren Arbeitszeiten und verlängerter Freizeit. Was ich beobachte ist, dass der Wunsch nach mehr Freizeit ungebrochen ist und vielleicht sogar zunimmt und wächst.

KOMPETENZ: Was würden Sie als besonders erfolgreiches Projekt im Bereich der gewerkschaftlichen Arbeitszeitpolitik in den vergangenen Jahren sehen?

Roland Schneider: Das ist angesichts der arbeitszeitpolitischen Vielfalt in den Betrieben und Verwaltungen eine schwierige Frage. Ich denke, ein besonderer Erfolg in der jüngeren Vergangenheit liegt darin, dass die Vorherrschaft über die Gestaltung, über die Lage und über die Dauer der Arbeitszeit längst nicht mehr den Unternehmen überlassen bleibt. Auch die zunehmende Vereinbarung von Arbeitszeitoptionen mit der Möglichkeit kürzerer Arbeitszeiten ist ein Erfolgsbeispiel. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass in der Arbeitszeitpolitik sehr gegensätzliche Interessen ins Spiel kommen. Dennoch gibt es durchaus Möglichkeiten eines fairen Interessenausgleiches. Wichtig für die Gewerkschaften ist es, dass sie in der Lage sind zu zeigen, dass ihre Politiken und ihre Forderungen von den Beschäftigten getragen werden. In diesem Zusammenhang hat sich bei meiner Untersuchung gezeigt, dass die Befragung von Beschäftigten ein wichtiges Instrument der Mobilisierung und der Organisation von Kampagnen zugunsten arbeitnehmerfreundlicher Arbeitszeitpolitik ist.