100 Jahre Frauenwahlrecht: Auf den Schultern von Riesinnen

Die ersten Frauen im Parlament. Quelle: ÖGB

Die ersten Frauen im Parlament. (von links vorne: Adelheid Popp, Therese Schlesinger, Anna Boschek, Emmy Freundlich, Maria Tusch, Amalie Seidel)Aus: 
ÖNB/Bildarchiv

Demokratiefragen sind immer auch soziale Fragen, die umfassende demokratische Mitbestimmung war immer ein wesentliches Ziel der ArbeiterInnenbewegung.

Der Kampf um das Frauenwahlrecht wurde aber von vielen Männern sowohl in der bürgerlichen, als auch proletarischen Demokratiebewegung als nachrangig betrachtet oder sogar aktiv bekämpft. Letztendlich war es die Selbstorganisation von Frauen in eigenen Strukturen, in Parteien und vor allem auch in Gewerkschaften die den Kampf vorantrieben.

Zum 100. Geburtstag des Frauenwahlrechts wollen wir kurz die acht außergewöhnlichen Frauen vorstellen, die nach der Einführung des Frauenwahlrechts 1918 ins Parlament eingezogen sind. Viele von ihnen haben ihre Wurzeln in der Gewerkschaftsbewegung.

Anna Boschek stammt aus ärmlichen Verhältnissen und musste nach dem Tod ihres Vaters die Schule mit nur neun Jahren abrechen. Sie wurde Arbeiterin und eine Pionierin der Gewerkschaftsbewegung. 1891 trat sie der Gewerkschaft bei und wurde zwei Jahre später für die gewerkschaftliche Organisierung von Frauen angestellt. Anna Boschek zog schon 1890 als erste Frau in den Parteivorstand der Sozialdemokraten ein und prägte auch dort den Kampf um die Gleichstellung der Frau.

Amalie Seidl organisierte im jungen Alter von 17 Jahren den ersten Frauenstreik Österreichs. Seidl begann als 11-jährige zunächst als Heimarbeiterin und Dienstmädchen zu arbeiten. Später findet sie Arbeit in einer Textilfabrik. Dort hält sie am ersten Mai 1893 eine Maifeier ab und wird entlassen. Am dritten Mai treten die Arbeiterinnen der Fabrik in Streik und fordern die Wiedereinstellung Seidls, die Einführung des 10-Stunden-Tages, die Einführung eines Mindestlohnes und einen freien Tag am ersten Mai. Nach einigen Tagen schließen sich zwei weitere Textilfabriken an und 700 Frauen streiken drei Wochen lang bis alle Forderungen erfüllt wurden.

Maria Tusch wurde als uneheliches Kind einer Magd in Kärnten geboren. Sie arbeite als Tabakarbeiterin und wurde sozialdemokratische Vertrauensperson und später Betriebsrätin. Sie widmete sich besonders der Straffreiheit von Abtreibung und der sozialen Lage von verwundeten Kriegsveteranen.

Adelheid Popp wuchs in einer Familie mit 15 Kindern in bitterster Armut auf und musste schon mit 10 Jahren schwer arbeiten. Einer ihrer Brüder nimmt sie zu Arbeiterversammlungen mit, sie meldet sich spontan zu Wort und wird als beeindruckende Rednerin entdeckt. Sie inspiriert zahlreiche Frauen selbst aktiv zu werden und sich in Debatten einzubringen. Popp wird als erste Frau Österreichs von einer Partei angestellt und gründet später den Verein Sozialdemokratischer Mädchen und Frauen.

Gabriele Proft war die Tochter einer Schustersfamilie und konnte nur zwei Jahre die Schule besuchen. Sie arbeitet als Haushaltsgehilfin und Heimarbeiterin und kommt mit 17 Jahren nach Wien. 1902 übernimmt sie die Funktion der Kassierin in der Gewerkschaft der Heimarbeiterinnen. Sie ist als mitreißende Rednerin bekannt und gehört während des ersten Weltkrieges den linken Flügel der Sozialdemokratie an, der die Kriegsbefürwortung der eigenen Parteiführung scharf kritisiert.

Dr. Hildegard Burjan war die erste Abgeordnete für die Christlichsoziale Partei. Die tiefgläubige Christin engagierte sich für Benachteiligte und Arme, besonders setzte sie sich für Frauen- und Kinderrechte ein. Sie forderte schon 1917: Gleichen Lohn für gleiche Arbeit und gründete neben zahlreichen caritativen Vereinen auch eine Gewerkschaft für HeimarbeiterInnen. Später begründete sie die Schwesterngemeinschaft Caritas Socialis (CS).

Therese Schlesinger stammte aus einer großbürgerlichen jüdisch-liberalen Familie. In der Fabrik der Familie wird versucht die Situation der ArbeiterInnen zu verbessern. Schlesinger und ihre Geschwister werden davon stark beeinflusst. Schlesinger beschäftigte sich besonders mit der Armut und dem Elend der Arbeiterklasse und gründete Frauensektionen in Gewerkschaft und Sozialdemokratie.

Emmy Freundlich stammte aus einer wohlhabenden Familie und lernt über ihren Mann die Ideen der Sozialdemokratie kennen und wird selbst aktiv. Sie schreibt für sozialdemokratische Zeitungen und arbeitet an der politischen Organisierung von Textil-, Tabak- und Heimarbeiterinnen. 1924 wird sie als einzige Frau Mitglied der Wirtschaftssektion des Völkerbundes.

Diese Frauen sind Pionierinnen des Kampfes für Gleichberechtigung auf allen Ebenen. Sie stehen stellvertretend für die zahlreichen Frauen die sich trotz schwierigster Bedingungen politisch- und gewerkschaftlich organisiert haben um Demokratie und Wahlrecht zu erkämpfen.